| | V O R W O R T zur vierten Auflage der deutschen Übersetzung des Buches "Anonyme Alkoholiker" Das Buch "Anonyme Alkoholiker" enthält die geistigen Prinzipien und die praktischen Anleitungen, mit denen die Selbsthilfegemeinschaft alkoholkranker Männer und Frauen seit nunmehr fast fünf Jahrzehnten erfolgreich arbeitet. Die AA Gemeinschaft ist 1935 in den Vereinigten Staaten von zwei hoffnungslosen Trinkern gegründet worden. Einer der beiden Gründer, der New Yorker Börsenmakler Bill W., hat die Erfahrungen der jungen Gemeinschaft und ihrer bis dahin etwa hundert Mitglieder 1939 aufgeschrieben und unter dem Titel "Alcoholics Anonymous" veröffentlicht. Das Buch stieß auf Aufmerksamkeit und hat der Gemeinschaft den Namen gegeben, unter dem sie mittlerweile in mehr als hundert Ländern verbreitet ist. Die ersten Gruppen der Anonymen Alkoholiker sind in Deutschland zu Anfang der fünfziger Jahre entstanden. Die Männer und Frauen, die sich damals im Erfahrungsaustausch um Nüchternheit und Lebenserneuerung bemühten, hatten dafür als Anleitung und Hilfe zunächst nur, was Sprachkundige aus Besuchen amerikanischer AA Meetings mitbrachten. Es gab noch keine Übersetzungen von AA Literatur. Während kleinere Schriften bald übersetzt waren und als kopierte Handzettel in Umlauf kamen, wurde das AA-Standardwerk "Anonyme Alkoholiker" lange Zeit vermißt. Die amerikanischen Anonymen Alkoholiker hüten mit Respekt und Dankbarkeit dieses Buch in seiner ursprünglichen Form. "The Big Book" - das große Buch, wie sie es nennen, ist in der Gemeinschaft weit verbreitet. Die Gruppen sorgen dafür, daß neue Mitglieder der Gemeinschaft recht bald mit dem Buch vertraut werden. Nach dem Farbeinband der bisher erschienenen deutschsprachigen Ausgaben wird hierzulande vom "Blauen Buch" gesprochen. Rund zehn Jahre hatten die ersten Gruppen in Deutschland auf das Buch warten müssen. Dann übersetzte Pfarrer Heinz Kappes, ein der AA Gemeinschaft verbundener Geistlicher, das Buch. Heinz Kappes, der in einem Schlußkapitel dieses Buches zu Wort kommt, schickte damals sein Manuskript an die AA-Zentrale nach New York, von wo es in kleiner Auflage broschürt zurückkam. Es gab somit die erste bescheidene Ausgabe des "Blauen Buches". In dieser Form wurde es später im eigenen Land noch einmal nachgedruckt. Anfang der siebziger Jahre überarbeitete ein Team von AA-Mitglie- dern aus Deutschland, der Schweiz und aus Österreich die erste Übersetzung. Es gab die dritte Auflage des Buches, von der insge- samt 18 000 Exemplare gedruckt worden sind. Diese Auflage enthielt erstmals auch, neben dem an den amerikanischen Text angelehnten Kernteil des Buches, Lebensgeschichten Anonymer Alkoholiker. Ein Teil der Lebensgeschichten aus der dritten Auflage sind in diese vierte Auflage übernommen worden. Einige andere Lebensge- schichten sind neu hinzugekommen. Übersetzt aus dem amerikanischen Originalbuch sind die Lebensgeschichten der AA Gründer Bill. W. und Dr. Bob sowie die Aufzeichnungen des Mannes, der sich als dritter dem noch jungen Bündnis angeschlossen hat. Neu übersetzt ist der Kernteil des Buches, der bis Kapitel elf reicht. Dabei wurde dem Wunsch des AA-Weltbüros in New York Rech- nung getragen, bei der deutschen Übersetzung dem amerikanischen Originaltext möglichst eng zu folgen, damit durch die sprachliche Übertragung nichts von den AA-Grundgedanken verlorengeht oder verändert wird. Auf dieses Vorwort folgen Einleitungen und Vorreden zu den bisher erschienenen amerikanischen Auflagen des Buches. Weil diese Vor- worte gleichzeitig ein Stück Aufzeichnung von AA-Geschichte dar stellen, wurden sie mit in dieses Buch aufgenommen. Das gilt auch für die "Meinung des Arztes", ein auf die Vorworte folgendes Kapitel, das Dr. Silkworth als einer der frühen Freunde der Ge- meinschaft geschrieben hat. In den Lebensgeschichten im mittleren Teil des Buches schildern Frauen und Männer aller Altersgruppen und Gesellschaftsschichten die Not ihrer Krankheit und den Weg, den sie mit Hilfe der Anony- men Alkoholiker danach gegangen sind. Die Kapitel im Anhang zu diesem Buch sind wiederum weitgehend aus dem amerikanischen Original übernommen worden. Das gilt für die AA-Traditionen ebenso wie für die Abschnitte über "Die seelische Erfahrung" und über die Ansichten, die Geistliche und Ärzte von den Anonymen Alkoholikern haben. Die im Anhang abgedruckten Anmerkungen zum Lasker-Preis stammen aus dem Originalbuch und sind ergänzt durch einen Hinweis auf den Hermann-Simon-Preis. Ergänzt um Hinweise auf die Gegebenheiten im deutschsprachigen Europa ist das Kapitel "Wie man mit den Anonymen Alkoholikern in Verbindung kommt". Die Gedanken in den Kapiteln "Die seelische Erfahrung" und "Aus der Sicht von Geistlichen" werden vertieft durch den Beitrag von Pfarrer Heinz Kappes "Gott, wie ich ihn verstehe". Am Schluß dieser Vorrede ist allen zu danken, die an diesem Buch mitgearbeitet haben: den Übersetzern, dem mit der Überarbeitung beauftragten Literaturteam und den Schreibern der Lebensgeschich- ten. In den Dank einzubeziehen sind die Pioniere der AA-Gemein- schaft, auf die das Genesungsprogramm und die erstmalige Nieder- schrift dieses Buches zurückgeht, und diejenigen, die sorgsam über die Unverfälschtheit der AA-Botschaft wachen. - Das Erscheinen dieses Buches ist begleitet von dem Wunsch und von der Hoffnung, daß es in die Hände vieler kommt, die daraus Nutzen zu ziehen imstande sind. Mai 1983 Anonyme Alkoholiker deutschsprachiger Länder Einleitung zur jüngsten Ausgabe des amerikanischen Buches "Alcoholics Anonymous" Dies ist die dritte Auflage des Buches "Anonyme Alkoholiker". Die erste Ausgabe erschien im April 1939, und in den darauffolgenden sechzehn Jahren kamen 300 000 Exemplare in Umlauf. Die zweite Auflage, 1955 veröffentlicht, erreichte insgesamt 1 150 000 Exem- plare. Weil das Buch für unsere Gemeinschaft zum Grundtext geworden ist und einer so großen Zahl von Alkoholikern, Männern und Frauen, hilfreich bei ihrer Genesung war, gibt es in der Gemeinschaft keine Neigung, an diesem Text etwas Grundlegendes zu ändern. Deshalb wurde der erste Teil des Werkes, in dem das Genesungspro- gramm beschrieben ist, unverändert in der Form der Überarbeitung für die zweite und dritte Ausgabe übernommen. Das Kapitel "Die Ansicht des Arztes" blieb so, wie es ursprünglich im Jahr 1939 von Dr. William Silkworth, dem großen medizinischen Gönner unserer Gemeinschaft, geschrieben worden ist. Der zweiten Auflage wurden die Anhänge über die Zwölf Traditionen und die Anleitung, wie man in Kontakt mit der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker kommt, beigefügt. Die einschneidendste Änder- ung geschah in dem Teil der persönlichen Lebensgeschichten, der erweitert wurde, um das Wachstum der Gemeinschaft widerzuspiegeln. Die Geschichte "Dr. Bobs Alptraum" und sechs andere persönliche Geschichten der ersten Ausgabe wurden beibehalten, dreißig neue Geschichten beigefügt und dieser Teil in drei Gruppen geordnet. (Anmerkung zur deutschen Ausgabe: Die Bemerkungen über die Lebensgeschichten beziehen sich auf das amerikanische Originalbuch. Diese Ausgabe enthält Lebensgeschichten deutschsprachiger Anonymer Alkoholiker.) In der vorliegenden dritten Ausgabe des Buches blieb die Gruppe I (Pioniere der Anonymen Alkoholiker) unverändert. Neun der Ge- schichten in der zweiten Gruppe ("Sie hörten rechtzeitig auf") wurden von der zweiten Ausgabe übernommen und mit acht neuen Geschichten ergänzt. Die acht Geschichten der dritten Gruppe ("Sie verloren nahezu alles") wurden um fünf neue erweitert. Alle Änderungen in dem "Großen Buch" (AA-Freunde in Amerika gaben dem Buch den Kosenamen "The Big Book"), hatten den gleichen Sinn und Zweck, die heutige Gestalt der Gemeinschaft zutreffend dazu stellen und noch mehr leidende Alkoholiker zu erreichen. Wenn Sie ein Trinkproblem haben, so hoffen wir, werden Sie beim Lesen einer der Lebensgeschichten innehalten und sich sagen: "Ja, das war bei mir auch so" oder noch besser: "Ja, ich fühlte ebenso" und noch entscheidender: "Ja, ich glaube, dieses Programm kann bei mir auch wirksam werden." Mai 1983 Anonyme Alkoholiker deutschsprachiger Länder Vorwort zur ersten Auflage des amerikanischen Buches Dies ist das Vorwort, wie es beim Erstdruck der Erstauflage im Jahr 1939 erschienen war. Wir Mitglieder der Anonymen Alkoholiker sind mehr als hundert Männer und Frauen, die von einem geistigen und körperlichen Zu stand Genesung gefunden haben, der hoffnungslos zu sein schien. Die wichtigste Absicht dieses Buches ist: Wir wollen anderen Alkoholikern genau den Weg beschreiben, der zu unserer Genesung geführt hat. Wir hoffen, daß diese Seiten so überzeugend sind, daß keine weiteren Beweise nötig sind. Wir meinen auch, daß jedermann durch diesen Bericht unserer Erfahrungen den Alkoholiker besser verstehen lernt. Viele Menschen begreifen nicht, daß der Alkoholiker ein sehr kranker Mensch ist. Darüber hinaus sind wir überzeugt, daß unsere Lebensmethode auch für alle anderen Menschen von Nutzen sein kann. Es ist wichtig, daß wir anonym bleiben, denn wir sind zur Zeit noch zu wenig, um mit der überwältigenden Zahl von Hilferufen fertig zu werden, die wahrscheinlich durch diese Veröffentlichung ausgelöst werden. Da wir meist im Geschäftsleben stehen oder einen freien Beruf haben, könnten viele von uns ihre Beschäftigung nicht ausüben, wenn wir als Alkoholiker bekannt würden. Wir bitten um Verständnis dafür, daß unsere Arbeit mit Alkoholikern eine Nebenbeschäftigung ist. Wenn wir in der Öffentlichkeit schreiben oder reden, dann soll jedes Mitglied unserer Gemeinschaft seinen Familiennamen weglas- sen: es soll sich statt dessen einfach als "ein Mitglied der Anonymen Alkoholiker" bezeichnen. Wir richten auch an die Presse die sehr ernste Bitte, daß sie diesen Wunsch achtet; andernfalls entstünden uns Nachteile. Wir sind keine Organisation im üblichen Sinn dieses Wortes. Bei uns gibt es keine Mitgliedsbeiträge oder sonstige finanzielle Verpflichtungen. Die einzige Voraussetzung für die Mitgliedschaft ist der ehrliche Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören. Wir sind mit keinem besonderen Religionsbekenntnis, keiner Sekte oder Kirche verbunden, wir stehen aber auch in keinem Gegensatz zu irgend etwas oder zu irgend jemand. Wir wollen einfach denen zu Hilfe kommen, die von dieser Krankheit betroffen sind. Wir würden uns sehr freuen, von den Lesern zu hören, die durch dieses Buch zu positiven Ergebnissen gekommen sind; von besonderem Interesse sind für uns Mitteilungen von solchen, die anfingen, mit anderen Alkoholikern zu arbeiten. In solchen Fällen möchten wir uns nützlich erweisen. Für Anfragen von wissenschaftlichen, medizinischen und religiösen Organisationen sind wir dankbar. Anonyme Alkoholiker Vorwort zur zweiten Auflage des amerikanischen Buches Seitdem im Jahre 1939 das ursprüngliche Vorwort zu diesem Buch geschrieben worden ist, hat sich wahrhaft ein Wunder ereignet. In unserer frühesten Ausgabe sprachen wir die Hoffnung aus: "Jeder Alkoholiker, der auf Reisen ist, möge an seinem Reiseziel die Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker vorfinden. Schon jetzt", so fährt jener alte Text fort, "sind in anderen Gemeinden Gruppen mit zwei, drei oder fünf unserer Mitglieder entstanden." Seitdem wir dieses Buch zum ersten Mal in Druck gaben, sind bis zum Erscheinen der zweiten Auflage im Jahr 1955 sechzehn Jahre vergangen. In dieser kurzen Zeit ist die Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker auf fast 6000 Gruppen emporgeschossen; die Mitgliederzahl umfaßt weit über 150 000 genesene Alkoholiker.* In jedem der Staaten der USA und in allen Provinzen Kanadas gibt es solche Gruppen. Die AA-Gemeinschaft hat blühende Zweige auf den Britischen Inseln, in den skandinavischen Ländern, in Südafrika, Südamerika, Mexiko, Alaska, Australien und Hawaii. Wenn man alles zusammenzählt, sind in etwa 50 fremden Ländern und Besitztümern der Vereinigten Staaten vielversprechende Anfänge gemacht worden. Solche Anfänge nehmen gerade jetzt in Asien Form an. Viele unserer Freunde stärken unseren Mut und sagen: dies alles ist ja nur erst der Anfang; in ihm stecken die Vorzeichen einer bevorstehenden viel größeren Zukunft. * Zahlenangaben in diesem Vorwort beziehen sich auf den Stand, den die AA-Gemeinschaft 1955 erreicht hatte. Der Funke, der die erste AA-Gruppe entflammen sollte, wurde im Juni 1935 in Akron, Ohio, bei einem Gespräch entzündet, das zwi- schen einem New Yorker Börsenmakler und einem Arzt aus Akron geführt wurde. Sechs Monate zuvor war der Finanzmann durch eine plötzliche seelische Erfahrung von seiner Trunksucht befreit worden. Dies war auf ein Zusammentreffen mit einem befreundeten Alkoholiker erfolgt, der mit den Oxford-Gruppen jener Tage in Berührung gekommen war. Eine andere große Hilfe war dem Makler durch einen New Yorker Spezialarzt in der Behandlung von Alkoholikern zuteil geworden, durch den inzwischen verstorbenen Dr. William D. Silkworth, der heute von den AA-Mitgliedern beinahe wie ein medizinischer Heiliger verehrt wird. Dr. Silkworths Bericht über jene Anfangstage unserer Gemeinschaft erscheint auf den folgenden Seiten. Von diesem Arzt hatte der Makler erfahren, daß Alkoholismus eine lebensgefährliche Krankheit ist. Obwohl der Makler nicht alle Grundsätze der Oxford- Gruppen annehmen konnte, war er doch davon überzeugt, daß eine moralische Inventur notwendig sei, ferner die freimütige Aussprache über die Charakterfehler, die Wiedergutmachung an die Geschädigten, die Hilfsbereitschaft anderen gegenüber sowie der Glaube an Gott und das unbedingte Vertrauen auf Ihn. Vor seiner Reise nach Akron hatte sich der Makler mit vielen Alkoholikern große Mühe gegeben, weil er der Auffassung war, daß nur ein Alkoholiker einem anderen Alkoholiker helfen könne. Der Erfolg dieser Arbeit bestand aber nur darin, daß er selbst nüch- tern geblieben war. Der Finanzmann war auf einer Geschäftsreise nach Akron gekommen. Das Geschäft war fehlgeschlagen. Und nun war bei ihm die große Furcht entstanden, daß er wieder zu trinken anfangen würde. Plötzlich wurde ihm klar, daß er, um sich selber zu retten, die Mitteilung über seine Heilung zu einem anderen Alkoholiker bringen müsse. Jener andere Alkoholiker war eben der Arzt in Akron. Dieser Arzt hatte schon wiederholt seelisch-geistige Methoden erprobt, um mit seinem Alkoholdilemma fertig zu werden. Er war jedoch dabei immer wieder gescheitert. Als der Makler ihm aber die Ansichten des Dr. Silkworth über den Alkoholismus und dessen Hoffnungslosigkeit mitteilte, begann der Chirurg, sich mit einer Willenskonzentration um die seelischen Heilmittel seiner Krankheit zu bemühen, wie er sie vorher nie hatte aufbringen können. Er wurde nüchtern und trank bis zum Augenblick seines Todes im Jahre 1950 keinen Alkohol mehr. Dies schien zu beweisen, daß ein Alkoholiker auf einen anderen eine Einwirkung ausüben konnte, wie es Nichtalkoholiker niemals fertigbrachten. Aber es zeigte auch, daß ein intensives Bemühen des einen Alkoholikers um den anderen für die dauernde Genesung lebensnotwendig war. Von diesem Augenblick an arbeiteten die beiden Männer fast wie besessen mit Alkoholikern, die in die entsprechende Abteilung des Städtischen Krankenhauses in Akron kamen. Ihr allererster, ein wirklich verzweifelter Fall, genas sofort und wurde das AA-Mit- glied Nummer drei. Er hat nie mehr einen Schluck Alkohol getrun- ken. Diese Arbeit in Akron dauerte den ganzen Sommer 1935 hin durch. Es gab auch viele Fehlschläge. Aber gelegentlich kam es doch zu einem ermutigenden Erfolg. Als der Makler im Herbst 1935 wieder nach New York zurückkehrte, war tatsächlich die erste AA Gruppe entstanden, obwohl das um jene Zeit noch niemand so recht wahrnahm. Gegen Ende 1937 war die Zahl der Mitglieder, die schon eine be- trächtliche Zeit ihrer Nüchternheit erfolgreich bestanden hatten, so groß, daß die Gemeinschaft davon überzeugt war: jetzt ist ein neues Licht in der finsteren Welt des Alkoholikers aufgegangen. Eine zweite Gruppe hatte sich in New York gebildet. Außerdem gab es verstreut wohnende einzelne Alkoholiker, welche die grundlegenden Ideen in Akron oder in New York erfaßt hatten und nun versuchten, in anderen Städten Gruppen zu bilden. Nun war nach der Meinung der um ihre Existenz ringenden Gruppen die Zeit gekommen, daß sie ihre Kunde und einzigartige Erfahrung der Welt zur Kenntnis brachten. Im Frühjahr des Jahres 1939 trug dieser Entschluß seine Frucht in der Veröffentlichung dieses Buches. Damals war die Mitgliederzahl auf etwa 100 Männer und Frauen gestiegen. Diese flügge gewordene Gemeinschaft, die bis dahin ohne Namen gewesen war, wurde von jetzt ab nach dem Titel ihres eigenen Buches "Anonyme Alkoholiker" genannt. Die Zeit des Blindfliegens war zu Ende: Die Anonymen Alkoholiker traten in eine neue Phase ihrer Pionierzeit ein. Mit dem Erscheinen des neuen Buches nahmen viele Ereignisse ihren Anfang. Der bekannte Geistliche Dr. Harry Emerson Fosdick besprach das Buch mit warmer Zustimmung. Im Herbst 1939 druckte der damalige Herausgeber der Zeitschrift "Liberty", Fulton Oursler, in seiner Zeitschrift einen Teil daraus ab unter der Überschrift "Alkoholiker und Gott". Das brachte eine Flut von 800 dringenden Anfragen in das kleine Büro in New York, das inzwischen eingerichtet worden war. Jede Anfrage wurde mit gewissenhafter Gründlichkeit beantwortet, Broschüren und Bücher wurden versandt. Mitglieder bestehender Gruppen, die als Geschäftsleute viel unterwegs waren, wurden auf diese zukünftigen Neulinge aufmerksam gemacht. Neue Gruppen entstanden. Und man entdeckte zum Erstaunen von jedermann, daß man die Kunde von AA ebenso durch die Post wie durch das gesprochene Wort übermitteln konnte. Ende 1939 schätzte man, daß 800 Alkoholiker auf ihrem Weg zur Genesung waren. Im Frühjahr des Jahres 1940 gab John D. Rockefeller für viele seiner Freunde einen Empfang, zu welchem er AA-Mitglieder einlud, damit sie dort ihre Lebensgeschichte erzählten. Die Nachricht hiervon ging durch die Kabel der Welt. Wieder gingen Erkundigungen ein, und viele Menschen gingen zu den Buchläden, um das Buch "Anonyme Alkoholiker" zu kaufen. Im März 1941 war die Mitgliederzahl auf 2000 angewachsen. Dann schrieb Jack Alexander einen Artikel in der "Saturday Evening Post" und stellte vor das allgemeine Publikum ein so überzeugendes Bild von der AA Gemeinschaft hin, daß uns die Hilferufe von Alkoholikern geradezu überschwemmten. Gegen Ende 1941 zählte man 8000 Mitglieder. Nun schossen überall die AA-Gruppen wie Pilze aus dem Boden. AA war zu einer festen Einrichtung in der amerikanischen Nation geworden. Damit trat unsere Gemeinschaft in ihre gefährliche und aufregende Periode der Entwicklungsjahre ein. Sie mußte die folgende Probe bestehen: Konnten diese großen Massen von Alkoholikern, die eben noch ein völlig ungeordnetes Leben geführt hatten, erfolgreiche Gemeinschaften miteinander bilden und zusammenarbeiten? Würde es Streitigkeiten über die Mitgliedschaft, die Leitung und das Geld geben? Würde es zu Kämpfen um Macht und Vorherrschaft kommen? Würden Spaltungen eintreten, welche die AA-Gemeinschaft wieder auseinanderrissen? Bald traten gerade diese Probleme überall und in jeder Gruppe auf. Jedoch erwuchs aus dieser Erfahrung mit ihren Sorgen und Zerreißproben die Überzeugung: Entweder müssen die Anonymen Alkoholiker eng zusammenhalten, oder sie werden einzeln zugrunde gehen. Entweder mußten wir unsere Gemeinschaft zu einer Einheit zusammenschließen oder die Bühne der Geschichte verlassen. So wie wir die Grundsätze entdeckt hatten, nach denen der einzelne Alkoholiker sein Leben gestalten konnte, so mußten wir auch jene Regeln entwickeln, nach welchen die AA-Gruppen und die AA-Gemeinschaft als Ganzes am Leben bleiben und wirkungsfähig funktionieren konnten. Man kam zu der Überzeugung, daß man keinen Alkoholiker, keinen Mann und keine Frau, aus unserer Gemeinschaft ausschließen durfte. Unsere Leiter müßten dienen, sie dürften aber nie regieren. Jede Gruppe mußte völlig selbständig sein. Es dürfte bei uns keine hauptberuflich tätigen Therapeuten geben. Außerdem dürfte es keine Mitglieds- und andere Pflichtbeiträge geben. Unsere Aufgaben müßten durch unsere eigenen freiwilligen Beiträge gedeckt werden. Überhaupt sollte man selbst in unseren Zentralbüros mit einer möglichst geringen Organisation auskommen. Unsere Beziehungen zur Öffentlichkeit sollten eher auf Anziehung als auf Werbung gegründet sein. Es wurde die Entscheidung getroffen, daß alle Mitglieder auf der Ebene von Presse, Radio, Fernsehen und Film anonym bleiben müßten. Und wir dürften unter keinen Umständen Stellungnahmen abgeben, unseren Namen für andere Bestrebungen hergeben, Bündnisse mit ihnen eingehen oder uns in öffentliche Auseinandersetzungen verwickeln lassen. Das war der wesentliche Inhalt der "Zwölf Traditionen" der Anony- men Alkoholiker, die im Anhang dieses Buches ausführlich behandelt werden. Obwohl keiner dieser Grundsätze die Kraft von Vorschriften oder Gesetzen besaß, waren sie doch um 1950 so weithin angenommen, daß sie von unserer Ersten Internationalen Konferenz in Cleveland bestätigt wurden. Heute ist diese bemerkenswerte Einigkeit in der AA-Gemeinschaft einer der allerwichtigsten Aktivposten, den wir haben. Im selben Maß wie die inneren Schwierigkeiten unserer Reifejahre allmählich ausgebügelt wurden, nahm die Öffentlichkeit die Anony- men Alkoholiker mit einer stürmisch wachsenden Freundlichkeit an. Dafür gab es zwei Hauptgründe: die große Zahl der Genesungen und die wiedervereinigten Familien. Diese machten überall einen star- ken Eindruck. Von den Alkoholikern, die zu den AA kamen und einen ernsthaften Versuch damit machten, wurden 50 Prozent nüchtern und blieben es auch; 25 Prozent wurden erst nach verschiedenen Rück fällen nüchtern; und von den restlichen 25 Prozent erfuhren die, die weiter bei den AA blieben, eine Besserung ihrer Krankheit. Weitere Tausende nahmen an ein paar AA-Meetings teil und lehnten das Programm zunächst ab. Aber auch von diesen kamen zahlreiche, ungefähr zwei von dreien, im Laufe der Zeit wieder zurück. Ein weiterer Grund dafür, daß die AA-Gemeinschaft so weithin angenommen wurde, war die Hilfe unserer Freunde - der Freunde aus dem Bereich der Medizin, der Religion, der Presse, zusammen mit zahllosen anderen, die unsere sachkundigen ständigen Fürsprecher wurden. Ohne eine solche Unterstützung hätte die Gemeinschaft sich viel langsamer entwickelt. Im Anhang dieses Buches findet man manche Empfehlungen von jenen frühen medizinischen und theologischen Freunden der Anonymen Alkoholiker. Die AA-Gemeinschaft ist keine religiöse Organisation. Auch nehmen wir keinen speziellen medizinischen Standpunkt ein. Trotzdem arbeiten wir mit den Männern der Medizin und Religion eng zusam- men. Da der Alkoholismus jeden ohne Ansehen seiner Person befallen kann, stellen unsere Mitglieder einen genauen Querschnitt durch die Bevölkerung von Amerika dar; und derselbe Prozeß geht nun auch in fernen Ländern vor sich. Nach der Religionszugehörigkeit haben wir unter uns: Katholiken, Protestanten, Juden, Hindus und -in geringer Zahl- auch Moslems und Buddhisten. Mehr als 15 Prozent unserer Mitglieder sind Frauen. Unsere Mitgliederzahlen wachsen gegenwärtig in jedem Jahr um etwa sieben Prozent. Angesichts der Not von vielen Millionen tatsächlicher und möglicher Alkoholiker in der Welt ist unser Wirken von relativ geringem Einfluß. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir auch nie in der Lage sein, uns mit mehr als nur einem Bruchteil des gesamten Alkoholproblems in allen seinen Verzweigungen zu befassen. Ganz gewiß beanspruchen wir kein Monopol auf die eigentliche Therapie des Alkoholikers. Doch erfüllt uns die große Hoffnung, daß alle diejenigen, die bisher noch keine Lösung ihres Alkoholproblems gefunden haben, auf den Seiten dieses Buches vielleicht eine Antwort finden und daß sie sich uns auf dem Höhenweg zu einer neuen Freiheit anschließen mögen. Vorwort zur dritten Auflage des amerikanischen Buches Als diese Ausgabe im März 1976 in die Druckerei ging, zählte die Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker vorsichtig geschätzt welt- weit über eine Million Mitglieder, mit über 28 000 Meetingsgruppen, 1980 mehr als 33 000, in über 90 Ländern. Umfragen unter AA-Gruppen in den Vereinigten Staaten und in Kanada haben ergeben, daß es in der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker nicht nur mehr Mitglieder gibt, sondern daß sich die AA immer mehr verbreitet. Frauen stellen jetzt mehr als ein Viertel der Mitglieder. Unter den neuen Mitgliedern liegt der Anteil der Frauen bei einem Drittel. Sieben Prozent -das ergab die Umfrage- sind unter dreißig Jahre alt, viele davon unter zwanzig. 1980 stellten die Frauen ein Drittel der Mitglieder; elf Prozent waren unter dreißig Jahre alt. Die Grundsätze des AA-Programms, so scheint es, gelten für Men- schen mit den unterschiedlichsten Lebensarten, hat doch das Pro- gramm Genesung für Angehörige der verschiedensten Nationalitäten gebracht. Die Zwölf Schritte, sie sind die Zusammenfassung des Programms, können in einem Land "Doce Pasos", im anderen "Douze Etapes" heißen, sie folgen jedoch dem gleichen Pfad zur Genesung, der von den ersten Mitgliedern der Anonymen Alkoholiker markiert worden ist. Ungeachtet des großen Wachstums und der Spannweite der Gemein- schaft, ist das Programm in seinem Kern einfach und persönlich. Alle Tage, überall in der Welt, beginnt die Genesung des einen Alkoholikers durch das Gespräch mit einem anderen Alkoholiker, indem die Erfahrung, die Kraft und die Hoffnung geteilt wird. Die Meinung des Arztes Wir Anonymen Alkoholiker glauben, daß der Leser interessiert sein wird zu erfahren, wie die Medizin den Genesungsplan einschätzt, der in diesem Buch dargestellt wird. Ganz gewiß muß eine überzeu- gende Beurteilung von seiten jener Ärzte kommen, die ihre Erfah- rung mit den Leiden unserer Mitglieder gemacht und deren Rückkehr zu einem gesunden Leben beobachtet haben. Ein wohlbekannter Arzt, Direktor an einem in Amerika weithin bekannten Krankenhaus, das sich auf Alkohol- und Rauschgiftsüchtige spezialisiert, richtete an Anonyme Alkoholiker den folgenden Brief: An jeden, den es betrifft: "Seit vielen Jahren habe ich mich auf die Behandlung des Alkoho- lismus spezialisiert. Gegen Ende 1934 behandelte ich einen Patienten, der zwar einst ein erfolgreicher Geschäftsmann mit hoher Erwerbskraft gewesen, aber nun zum Alkoholiker von dem Typ geworden war, den ich als hoffnungslos zu betrachten pflegte. Im Verlauf seiner dritten Behandlung machte er sich gewisse Vor- stellungen davon, durch welche Mittel man möglicherweise zur Genesung gelangen könnte. Es war ein Teil seiner eigenen Wieder- herstellung, daß er damit begann, seine Auffassung anderen Alkoholikern mitzuteilen, und ihnen einprägte, sie müßten dies genauso wieder mit anderen machen. Daraus ist das Fundament einer rapide wachsenden Gemeinschaft zwischen diesen Männern und ihren Familien geworden. Es sieht so aus, als ob dieser Mann und mehr als hundert andere wirklich genesen sind. Ich persönlich weiß um eine große Zahl von Fällen dieser Art, bei der andere Methoden völlig versagt hatten. Diese Tatsachen scheinen mir für die Medizin äußerst wichtig zu sein. Wegen der außerordentlichen Möglichkeiten zu einem raschen Wachsen, die in dieser Gruppe liegen, könnte sie eine neue Epoche in den Annalen des Alkoholismus bedeuten. Es könnte sehr wohl sein, daß diese Leute einen Weg zur Genesung für Tausende besit- zen, die sich in der gleichen Situation befinden. Man kann sich absolut auf all das verlassen, was sie über sich selbst aussagen." Ihr ergebener gez. William D. Silkworth, M.D. Der Arzt, der uns auf unsere Bitten diesen Brief gab, hatte die Freundlichkeit, seine Absichten in einem anderen Dokument weiter auszuführen, das hier folgt. Er bestätigte in dieser Darstellung, daß wir, die unter den Qualen des Alkoholismus gelitten haben, davon überzeugt sein müssen, daß die körperliche Verfassung des Alkoholikers genauso anomal ist wie seine geistige. Wir waren damit nicht zufrieden, daß man uns sagte, wir könnten deshalb unser Trinken nicht beherrschen, weil wir uns nicht richtig an unsere Lebensverhältnisse anpassen könnten, daß wir immer auf der Flucht vor der Wirklichkeit des Lebens seien oder daß wir an ausgesprochenen seelischen Defekten litten. Diese Dinge waren bis zu einem gewissen Grad -tatsächlich sogar bis zu einem beträchtlichen Grad- bei manchen von uns wahr. Wir waren aber auch davon überzeugt, daß unser Körper von der Krankheit gleichfalls betroffen war. Nach unserer Überzeugung ist jede Darstellung des Alkoholikers, die diesen körperlichen Aspekt außer acht läßt, unvollständig. Die Theorie des Arztes, daß wir an einer Allergie gegenüber dem Alkohol leiden, interessiert uns. Da wir Laien sind, mag unsere Auffassung von der Richtigkeit dieser Theorie natürlich wenig Bedeutung haben. Als ehemalige Problemtrinker können wir aber sagen, daß diese Erklärung uns sinnvoll erscheint. Sie gibt uns für viele Dinge eine Deutung, für die wir anders keine Begründung finden könnten. Obwohl unsere Lösung auf der Ebene des Seelischen und der Uneigennützigkeit liegt, sind wir doch dafür, daß der Alkoholiker, der noch zittrig und verwirrt ist, in ein Krankenhaus aufgenommen wird. In den allermeisten Fällen ist es notwendig, daß das Gehirn eines Menschen erst wieder klar gemacht wird, bevor man sich ihm nähern kann. Die Aussichten, daß er versteht und annimmt, was wir ihm anbieten, sind dann viel größer. Der Arzt schreibt: "Das Thema, das in diesem Buch dargestellt wird, scheint mir für die, welche unter der Alkoholsucht leiden, von allerhöchster Bedeutung zu sein. Ich sage das nach einer vieljährigen Erfahrung als der medizi- nische Direktor eines der ältesten Krankenhäuser des Landes, das Alkohol- und Rauschgiftsüchtige behandelt. Ich empfand darum eine wirkliche Genugtuung, als ich gebeten wurde, einige Worte über einen Gegenstand beizufügen, der in so meisterhafter und eingehender Weise auf diesen Seiten behandelt wird. Wir Ärzte haben schon seit langer Zeit erkannt, daß eine Art moralischer Psychologie für die Alkoholiker von drängender Wichtigkeit war. Diese Anwendung brachte aber Schwierigkeiten mit sich, die zu überwinden weit über unser Vermögen ging. Mit unseren ultra-modernen Ausrüstungen und unserer wissenschaftlichen Einstellung allem gegenüber sind wir vielleicht nicht gut genug ausgerüstet, die Mächte des Guten anzuwenden, die außerhalb erlernter Erkenntnisse liegen. Vor vielen Jahren kam einer der maßgeblichen Mitverfasser dieses Buches in dieses Krankenhaus und in unsere Behandlung. Während der Zeit, da er hier war, gewann er einige Auffassungen, die er dann sofort praktisch zur Anwendung brachte. Später bat er dann um die Erlaubnis, daß er hier anderen Patienten seine Geschichte erzählen durfte. Trotz einiger Bedenken haben wir unsere Zustimmung dazu gegeben. Die Fälle, die wir dann weiter verfolgt haben, waren außerordentlich interessant. Manche von ihnen waren tatsächlich erstaunlich. Für jemand, der so lang und mühsam auf dem Gebiet des Alkoholismus gearbeitet hat, sind dies wahrhaft begeisternde Dinge: die Selbstlosigkeit dieser Männern, die wir dabei beobachten konnten, das völlige Fehlen eines eigennützigen Beweggrundes und ihr Gemeinschaftsgeist. Sie glauben an ihre Sache, mehr aber noch an jene Macht, die einen chronischen Alkoholiker von den Pforten des Todes zurück reißen kann. Natürlich muß man einen Alkoholiker zuerst von seiner körperlichen Sucht nach dem berauschenden Getränk befreien. Das erfordert oft eine systematische Krankenhausbehandlung, ehe er von psychologischen Maßnahmen den größtmöglichen Nutzen haben kann. Wir glauben -und wir haben dies auch vor einigen Jahren als Vermutung vorgetragen- daß die Wirkung des Alkohols bei diesen chronischen Alkoholikern eine Allergie auslöst; denn das Phänomen der Sucht ist auf diese Gruppe begrenzt und kommt beim durchschnittlichen maßvollen Trinker nie vor. Diese allergischen Typen können niemals mehr Alkohol in irgendeiner Form ohne Gefahr zu sich nehmen. Wenn sich die Gewohnheit bei ihnen erst einmal herausgebildet hat und wenn offenbar geworden ist, daß sie nicht aufhören können, wenn sie ihr Vertrauen zu sich und den Mitmenschen verloren haben, dann häufen sich die Probleme und werden in erschreckendem Maße immer unlösbarer. Wortreiche, aber inhaltsarme Appelle richten da selten etwas aus. Wenn man etwas sagen will, was das Interesse dieser Alkoholiker wecken und wachhalten soll, dann muß es Tiefe und Gewicht haben. Wenn die Alkoholiker ihr Leben völlig umkrempeln sollen, dann müssen ihre Ideale in den allermeisten Fällen in einer Macht wurzeln, die größer ist als sie selbst. Sollte jemand das Gefühl haben, daß wir Psychiater, die ein Kran- kenhaus für Alkoholiker zu leiten haben, mit einer solchen Äußerung sentimental erscheinen, dann möge er einmal eine Zeitlang mit uns vorn an der Front stehen, sich die Tragödien, die verzweifelten Frauen und die kleinen Kinder anschauen. Die Überwindung dieser Nöte sollte für ihn zum Teil seiner täglichen Arbeit werden und ihm auch in der Nacht noch seinen Schlaf rauben. Dann wird sich auch der zynischste Kritiker nicht mehr darüber wundern, daß wir diese Gemeinschaft angenommen und ermutigt haben. Langjährige Erfahrung bestärkt uns in der Ansicht, daß nichts zur Rehabilitation dieser Männer in höherem Maße beigetragen hat als die selbstlose Bewegung, die jetzt unter ihnen selbst im Wachsen begriffen ist. Die Wirkung, die der Alkohol hervorruft, ist für Männer und Frauen der wesentliche Grund zum Trinken. Obwohl sie zugeben, daß sie sich schaden, ist die vom Alkohol beeinflußte Wahrnehmung so vage, daß nach einer gewissen Zeit Wahres von Falschem nicht mehr unterschieden werden kann. Für diese Männer und Frauen erscheint dann ihr alkoholisches Leben allein als das normale. Sie sind ruhelos, reizbar, unzufrieden, bis sie erneut das Gefühl von Erleichterung und Behaglichkeit bekommen, das sofort nach einigen Gläsern Alkohol über sie kommt - Alkohol, den sie andere Menschen völlig ungestraft zu sich nehmen sehen. Nachdem sie aber wieder, wie so viele Alkoholiker, diesem Begehren erlegen sind und in dem Maße, wie sich in ihnen die Erscheinungsform der Sucht entwickelt- gehen sie durch die bekannten Stadien einer Sauftour hindurch, aus der sie dann voller Reue wieder auftauchen mit dem festen Entschluß, nie wieder zu trinken. Das wiederholt sich nun immer und immer wieder. Und wenn ein solcher Mensch dann nicht die Erfahrung einer völligen psychischen Umwandlung machen kann, besteht sehr wenig Hoffnung darauf, daß er zur Genesung kommt. Andererseits findet sich -so seltsam dieser Vorgang denen er scheint, die ihn nicht verstehen- genau dieselbe Person, die völlig verloren zu sein schien, die so viele Probleme hatte, daß sie daran verzweifelte, sie überhaupt je lösen zu können, sobald einmal diese psychische Umwandlung stattfand, plötzlich ganz leicht dazu imstande, ihr Verlangen nach Alkohol zu beherrschen. Die einzige dazu nötige Anstrengung besteht darin, daß man von ihr das Befolgen einiger einfacher Regeln verlangt. Männer haben mich mit ebenso ehrlichem wie verzweifeltem Flehen bedrängt: "Doktor, ich kann so nicht mehr weitermachen. Ich besitze alles, was das Leben wertvoll macht. Ich muß mit dem Trinken aufhören, aber ich bringe es nicht fertig. Sie müssen mir helfen." Wenn ein Arzt diesem Problem gegenübersteht und wenn er sich selbst gegenüber ehrlich ist, wie sehr muß er da so oft seine eigene Unzulänglichkeit fühlen. Und wenn er auch alles hergibt, was er in sich hat, so ist es doch oft nicht genug. Da merkt man, daß man etwas mehr als nur die menschliche Kraft braucht, um die entscheidende psychische Umwandlung zustandezubringen. Obwohl die Gesamtsumme der Genesungen, die durch psychatrisches Bemühen bewirkt wird, beträchtlich ist, müssen wir Ärzte doch zugeben, daß wir auf die Lösung des Gesamtproblems eine noch recht geringe Einwirkung zustandebringen. Viele Typen von Alkoholikern sprechen auf die gewöhnliche psychologische Methode nicht an. Ich stehe nicht auf der Seite derer, die glauben, daß der Alkoho- lismus ganz und gar ein Problem der verstandesmäßigen Kontrolle ist. Ich habe viele Patienten gehabt, die zum Beispiel eine ganze Reihe von Monaten an der Lösung eines bestimmten Problems oder an einem geschäftlichen Unternehmen gearbeitet hatten, die bis zu einem gewissen ihnen günstigen Datum in Ordnung gebracht werden mußten. Sie tranken etwa einen Tag vor diesem Datum ein Glas, und das Phänomen ihrer Sucht trat wieder so sehr in den Vordergrund und verdrängte alle anderen Interessen, daß sie die wichtige Verabredung nicht einhalten konnten. Diese Leute tranken wirklich nicht, um zu fliehen; sie tranken, um ein Begehren zu überwinden, das sie mit ihrer verstandesmäßigen Kontrolle nicht beherrschen konnten. Das Suchtverlangen bringt Menschen in Situationen, in denen sie bereit sind, eher alles zu opfern, als weiter gegen die Sucht zu kämpfen. Die Einteilung der Alkoholiker in bestimmte Klassen scheint höchst schwierig zu sein und liegt im einzelnen auch außerhalb der Absicht dieses Buches. Unter Alkoholikern gibt es natürlich die Psychopathen, die in ihrem Gefühlsleben labil sind. Dieser Typ ist uns allen bekannt. Sie schwören ständig dem Alkohol auf ewig ab und quälen sich mit Schuldgefühlen. Sie fassen viele Entschließungen, sie treffen aber nie eine Entscheidung. Dann gibt es den Typ des Menschen, der einfach nicht zugeben will, daß er kein Glas vertragen kann. Er plant immer neue Trinkmethoden. Er verändert seine Alkoholsorte oder seine Umgebung. Dann gibt es den Typ, der immer noch meint, er könne ohne Gefahr wieder trinken, nachdem er eine gewisse Zeit völlig frei vom Alkohol gewesen war. Und es gibt den manisch depressiven Typ, der von seinen Freunden vielleicht am wenigsten verstanden wird und über den ein ganzes Kapitel geschrieben werden könnte. Und dann gibt es wieder jene Typen, die eigentlich in jeder Beziehung normal sind, wenn man von der Wirkung absieht, die der Alkohol auf sie ausübt. Oft sind sie fähige, intelligente und liebenswürdige Menschen. Sie alle -und noch viele andere- haben ein einziges Symptom mit einander gemeinsam: Sie können nicht anfangen zu trinken, ohne daß sie die Erscheinungsform der Sucht entwickeln. Wir haben die Vermutung ausgesprochen, daß diese Erscheinung der Sucht auf eine Allergie hinweist, welche diese Leute von den anderen Menschen unterscheidet und sie zu einer besonderen Gruppe macht. Noch nie ist diese Veranlagung durch irgendeine Behandlungsart, die mir bekannt geworden ist, auf die Dauer beseitigt worden. Als die einzige Abhilfe können wir nur zur vollkommenen Enthaltung vom Alkohol raten. Aber diese Feststellung stürzt uns sofort in einen brodelnden Kessel von Diskussionen. Viel ist für und wider geschrieben worden. Unter den Ärzten scheint sich jedoch als die allgemeine Meinung durchgesetzt zu haben, daß der chronische Alkoholismus unheilbar ist. Wo aber gibt es eine Lösung? Vielleicht kann ich diese Frage am besten beantworten, indem ich über eine meiner Erfahrungen berichte. Etwa ein Jahr, bevor ich diese Erfahrung machte, wurde uns ein Mann eingeliefert, den wir wegen chronischem Alkoholismus behandeln sollten. Er hatte sich nur teilweise von einem Magenbluten erholt und schien überdies ein Fall von pathologischem geistigen Zerfall zu sein. Er hatte alles verloren, was das Leben lebenswert macht, und er lebte sozusagen nur noch, um zu trinken. Er gab das freimütig zu und glaubte auch selbst, daß es für ihn keine Hoffnung mehr gab. Nachdem man ihm den Alkohol entzogen hatte, fand man, daß keine dauernde Schädigung des Gehirns vorlag. Er nahm den Lebensplan auf sich, der in diesem Buch dargestellt wird. Ein Jahr später rief er mich an und kündigte seinen Besuch an. Und da hatte ich ein ganz eigenartiges Erlebnis. Ich erinnerte mich an den Namen des Mannes und erkannte auch einigermaßen seine Gesichtszüge wieder. Aber damit hörte auch alle Ähnlichkeit auf. Aus jenem zitternden, verzweifelten nervösen Wrack war ein neuer Mensch geworden, der nur so überströmte von Selbstvertrauen und Zufriedenheit. Ich sprach eine Zeitlang mit ihm. Ich konnte aber einfach in mir das Gefühl nicht mehr wachrufen, daß ich ihn früher gekannt hatte. Für mich war er ein Fremder, und als ein solcher verließ er mich auch. Eine lange Zeit ohne Alkohol lag zwischen unseren Begegnungen. Wenn ich eine geistige Aufmunterung brauche, dann denke ich oft an einen anderen Fall, der uns von einem in New York sehr bekannten Arzt überwiesen worden war. Der Patient hatte sich seine eigene Diagnose gestellt. Weil er von der Hoffnungslosigkeit seiner Lage überzeugt war, hatte er sich in einem verlassenen Schuppen versteckt und war entschlossen, dort zu sterben. Einige Leute, die nach ihm fahndeten, hatten ihn gerettet und in einem entsetzlichen Zustand zu mir gebracht. Nachdem er körperlich wieder hergestellt war, hatte er ein Gespräch mit mir, in dem er frei heraus sagte, jede Behandlung sei nur eine Kraftvergeudung, wenn ich ihm nicht die Versicherung geben könne - was noch nie jemand habe tun können-, daß er in Zukunft die Willenskraft besitzen werde, seinem Drang zum Trinken zu widerstehen. Sein Alkoholproblem war so vielschichtig und seine Depression war so tief, daß wir fühlten, seine einzige Hoffnung läge nur noch in dem, was wir damals eine "moralische Psychologie" nannten; wir zweifelten aber daran, daß selbst dies eine Wirkung auf ihn ausüben würde. Immerhin ließ er sich völlig von den Gedanken überzeugen, die in diesem Buch enthalten sind. Seit einer langen Reihe von Jahren hat er kein einziges Glas mehr getrunken. Dann und wann sehe ich ihn; er ist ein Mensch von so feiner Art geworden, wie man sie immer gern sehen möchte. So rate ich jedem Alkoholiker ernstlich, dieses Buch durchzulesen. Er mag als Spötter mit dem Lesen anfangen, vielleicht endet er mit einem Gebet." William D. Silkworth, M.D. Kapitel 1 Bills Geschichte Auch die Stadt in New England, in die wir jungen Offiziere von Plattsburg aus verlegt wurden, war vom Kriegstaumel erfaßt. Wir fühlten uns geschmeichelt, wenn uns angesehene Bürger in ihre Häuser einluden und uns das Gefühl gaben, Helden zu sein. Hier spürten wir mitten im Krieg Zuneigung und Anerkennung. Es waren erhabene Momente, und manchmal waren wir auch richtig ausgelassen und fröhlich. - Endlich ging das Leben nicht mehr an mir vorbei. In diesem Drunter und Drüber entdeckte ich den Alkohol. Eindringliche Warnungen und Vorurteile meiner Familie gegen das Trinken waren vergessen. - Kurz darauf waren wir auf dem Weg nach Europa. Ich fühlte mich sehr einsam und wandte mich wieder dem Alkohol zu. Wir landeten in England. Ich besuchte Winchester Cathedral. Ich war davon sehr beeindruckt. Als ich draußen herumschlenderte, erweckte ein Vers auf einem alten Grabstein meine Aufmerksamkeit: "Hier liegt ein Hampshire Grenadier, der trank zu Tod sich, ach, mit zuviel Krügen kühlem Bier. Gedenken folgt dem Kriegsmann nach, ob ihn der grimm'ge Tod erschlug durch Kugel oder Krug." Eine Warnung, die ich in den Wind schlug. Mit zweiundzwanzig Jahren schon Kriegsveteran, kam ich schließlich nach Hause. Ich fühlte mich als Führernatur, denn hatten mir nicht die Männer meiner Einheit gerade das immer wieder bestätigt? Mit meinem Führungstalent wollte ich an die Spitze großer Unternehmen kommen, die ich mit sicherem Geschick leiten würde. Ich belegte einen Abendkursus in Rechtswissenschaften und bekam eine Anstellung als Schadenssachbearbeiter in einer Versicherungsgesellschaft. Das Streben nach Erfolg hatte mich gepackt. Ich würde der Welt zeigen, wie wichtig ich war. Meine Arbeit führte mich zur Wall Street, und nach und nach begann ich, mich für die Börse zu interessieren. Viele verloren Geld - aber einige wurden auch sehr reich dabei. Warum nicht auch ich? Außer mit Jura befaßte ich mich jetzt auch mit Wirtschaftswissenschaften. Da ich schon auf dem Weg zum Alkoholiker war, schaffte ich beinahe meinen Jurakursus nicht. Bei einer der Abschlußprüfungen war ich so betrunken, daß ich weder denken noch schreiben konnte. Obwohl ich noch nicht ständig trank, war meine Frau beunruhigt. In langen Gesprächen versuchte ich, sie zu beruhigen, indem ich ihr erzählte, daß geniale Männer ihre besten Einfälle im Suff hatten und so zu höchsten philosophischen Erkenntnissen gekommen waren. Als ich den Kursus in Rechtswissenschaft beendet hatte, wußte ich, daß Jura nichts für mich war. Ich war in das Mahlwerk der Wall Street geraten. Wirtschafts- und Finanzbosse waren meine Vorbilder. Aus dieser Verbindung von Suff und Spekulationen begann ich die Waffe zu schmieden, die sich eines Tages wie ein Bumerang gegen mich richten und mich kaputtmachen würde. Meine Frau und ich lebten bescheiden und sparten 1000 Dollar. Wir legten das Geld in Wertpapieren an, die damals billig und kaum gefragt waren. Meine Vermutung, daß sie eines Tages im Kurs erheblich steigen würden, bestätigte sich später. Ich konnte Maklerfreunde jedoch nicht dazu bewegen, mich loszuschicken, um einen Überblick über Fabriken und Unternehmen zu gewinnen. Aber meine Frau und ich beschlossen, es trotzdem zu tun. Nach einer von mir entwickelten Theorie verloren die meisten Leute ihr Geld an der Börse durch Unkenntnis des Marktes. Später entdeckte ich noch viele andere Gründe dafür. Wir gaben unsere Stellungen auf, und ab ging's auf dem Motorrad, den Beiwagen vollgestopft mit Zelt, Decken, Kleidern zum Wechseln und drei großen Handbüchern des Finanzmarktes. Unsere Freunde meinten, man sollte uns auf unseren Geisteszustand untersuchen. Vielleicht hatten sie recht. Da ich einigen Erfolg beim Spekulieren gehabt hatte, besaßen wir etwas Geld. Um unser kleines Kapital nicht angreifen zu müssen, arbeiteten wir einen Monat auf einer Farm. Für lange Zeit sollte das für mich die letzte ehrliche, körperliche Arbeit gewesen sein. Wir bereisten den ganzen östlichen Teil der Vereinigten Staaten in einem Jahr. Am Ende verschafften mir meine Berichte an die Wall Street dort eine neue Stellung, und ich hatte ein hohes Spesenkonto zur Verfügung. Ein Termingeschäft brachte uns in jenem Jahr Gewinn von mehreren tausend Dollar. In den nächsten paar Jahren flogen mir Geld und Beifall nur so zu. Ich hatte es geschafft. Das Rascheln der Geldscheine brachte viele dazu, meinem Beispiel zu folgen. Der Aufschwung der späten zwanziger Jahre nahm überschäumende Formen an. Alkohol bildete einen wichtigen Bestandteil meines Lebens. In den Jazzlokalen der Stadt wurde hitzig debattiert. Jeder warf mit Tausendern nur so um sich und phantasierte von Millionen. Sollten die Spötter ruhig spotten, mir war's gleich. Ich machte mich zum Gastgeber von Schönwetterfreunden. Mein Trinken nahm ernstere Formen an, ich trank fast den ganzen Tag und beinahe jeden Abend. Die Vorhaltungen meiner Freunde führten zu Streit und machten mich zum Einzelgänger. In unserer aufwendigen Wohnung gab es häßliche Szenen. Meiner Frau war ich nie richtig untreu geworden. Vor Seitensprüngen bewahrte mich die Anhänglichkeit zu ihr und meine zeitweilig extreme Trunkenheit. Im Jahr 1929 packte mich das Goldfieber. Deshalb zogen wir aufs Land. Für meinen Ehrgeiz, den damals berühmten Golfspieler Walter Hagen zu schlagen, erwartete ich den Beifall meiner Frau. Aber der Alkohol holte mich schneller ein, als ich Walter Hagen schlagen konnte. Das morgendliche Zittern begann. Beim Golfspiel war es möglich, von morgens bis abends zu trinken. Es machte mir Spaß, auf dem exklusiven Platz umherzustreifen, der in mir schon solche Ehrfurcht erweckt hatte, als ich noch ein Junge gewesen war. Meine Haut nahm die makellose Bräune der Wohlhabenden an. Mit amüsierter Skepsis beobachtete der örtliche Bankangestellte den regen Ein- und Ausgang meiner dicken Schecks. Ganz unerwartet brach im Oktober 1929 an der New Yorker Börse die Hölle los. Nach einem dieser verteufelten Tage schwankte ich aus einer Hotelbar in ein Maklerbüro. Es war abends acht Uhr, fünf Stunden nachdem die Börse geschlossen hatte. Der automatische Kursanzeiger tickte immer noch. Ich starrte auf einen Papierstreifen mit der Notierung XYZ 32. Am Morgen waren es noch 52 gewesen. Wie so viele meiner Freunde war auch ich ruiniert. Die Zeitungen berichteten, daß Menschen von den hohen Dächern der Finanzburgen in den Tod gesprungen waren. Das widerte mich an. Ich würde nicht springen. Ich ging in die Bar zurück. Seit 10 Uhr morgens hatten meine Freunde mehrere Millionen verloren - na und? Morgen war ein neuer Tag. Beim Trinken kehrte meine alte, verbissene Entschlossenheit zu gewinnen zurück. Am nächsten Morgen rief ich einen Freund in Montreal an. Er hatte genügend Geld übrigbehalten und meinte, es wäre besser, wenn ich nach Kanada ginge. Im Frühjahr des folgenden Jahres lebten wir wieder in unserem altgewohnten Stil. Ich fühlte mich wie Napoleon nach der Rückkehr von Elba. Für mich gab es kein St. Helena. Aber bald trank ich wieder, und mein großzügiger Freund war gezwungen, mich fallenzulassen. Diesmal waren wir endgültig pleite. Wir zogen zu den Eltern meiner Frau. Ich fand Arbeit, die ich jedoch nach einer Schlägerei mit einem Taxifahrer verlor. Gott sei dank konnte damals noch niemand voraussehen, daß ich fünf Jahre lang keinen festen Ar- beitsplatz haben und genauso lange Zeit kaum nüchtern sein würde. Meine Frau nahm eine Stellung in einem Kaufhaus an. Wenn sie abends erschöpft nach Hause kam, fand sie mich betrunken vor. Ich wurde zum unerwünschten Herumtreiber in den Maklerbüros. Alkohol war kein Luxus mehr, er wurde zur Notwendigkeit. Zwei bis drei Flaschen schwarz gebrannter Gin wurden zur Gewohnheit. Kleine Geschäfte brachten hin und wieder einige hundert Dollar, so daß ich meine Schulden in den Bars und Lebensmittelgeschäften bezahlen konnte. So ging es endlos weiter. Ich wachte morgens sehr früh auf und war dabei von heftigem Zittern geschüttelt. Um überhaupt frühstücken zu können, brauchte ich erst ein Wasserglas Gin und ein halbes Dutzend Flaschen Bier. Trotzdem glaubte ich immer noch, die Situation im Griff zu haben. Es gab aber auch nüchterne Phasen, die meiner Frau wieder Hoffnung machten. Nach und nach wurde es schlimmer. Das Haus wurde von Gläubigern übernommen, meine Schwiegermutter starb, meine Frau und mein Schwiegervater wurden krank. Dann bot sich mir eine vielversprechende Gelegenheit, ein Geschäft zu machen. Die Aktien waren auf dem Tiefstand von 1932, und irgendwie gelang es mir, eine Käufergruppe zu bilden. Ich sollte großzügig am Gewinn beteiligt werden. Die guten Chancen verdarb ich mir durch eine neue Sauftour. Ich wachte auf. Das mußte ein Ende haben. Ich sah ein, daß ich nicht mal mehr ein einziges Glas trinken durfte. Ich war restlos fertig. Früher hatte ich die heiligsten, schriftlichen Versprech- ungen gemacht. Jetzt aber war meine Frau glücklich darüber, daß es mir dieses Mal ernst damit war. Es war mir ernst. Kurz danach kam ich dennoch betrunken nach Hause. Ich hatte mich nicht dagegen gewehrt. Wo waren meine großen Vorsätze geblieben? Ich wußte es einfach nicht. Es war mir auch nicht bewußt geworden. Jemand hatte mir ein Glas zugeschoben, und ich hatte es ausgetrunken. War ich verrückt? Bei so viel Unüberlegtheit schien ich nicht weit davon entfernt zu sein. Ich erneuerte meinen Vorsatz und versuchte es wieder. Nach einiger Zeit wurde das Selbstvertrauen von Überheblichkeit abgelöst. Ich konnte über die Schnapsbrennereien lachen. Jetzt wußte ich, worauf es ankam. Eines Tages betrat ich ein Café, um zu telefonieren. Plötzlich stand ich an der Bar, ohne zu wissen, wie ich dahin gekommen bin. Als mir der Whisky zu Kopf stieg, sagte ich mir, daß ich es das nächste Mal besser machen würde. Jetzt wollte ich mich erst einmal besser fühlen und ließ mich vollaufen. Die Reue, den Schrecken und die Hoffnungslosigkeit am nächsten Morgen werde ich nie vergessen. Der Mut zu kämpfen war weg. Mein Hirn raste unkontrolliert, und ich hatte ein schreckliches Gefühl von drohendem Unheil. Es war noch nicht Tag, und ich wagte kaum, |über die Straße zu gehen aus Angst, zusammenzubrechen und von einem Lieferwagen überfahren zu werden. Eine Kneipe, die die ganze Nacht geöffnet hatte, versorgte mich mit etlichen Glas Bier. Meine verkrampften Nerven kamen schließlich zur Ruhe. Durch eine Morgenzeitung erfuhr ich, daß an der Börse wieder der Teufel los war. In mir auch. Der Börsenmarkt würde sich erholen, ich aber nicht. Das war hart. Sollte ich Schluß machen? Nein - jetzt nicht. Ich war wie benebelt. Gin würde das beheben. Zwei Flaschen und - totales Vergessen. Körper und Geist sind wunderbare Mechanismen. Sie hielten diese Qual noch zwei Jahre aus. In meiner schrecklichen morgendlichen Verfassung vergriff ich mich an dem dünnen Portemonnaie meiner Frau. Dann stand ich wieder einmal schwankend vor einem offenen Fenster oder am Medikamentenschrank, in dem Gift war, und ver- fluchte mich als Schwächling. Durch Ausflüge in die Umgebung versuchten wir, dieser Situation zu entfliehen. Dann kam die Nacht, in der meine körperlichen und geistigen Qualen so höllisch waren, daß ich Angst hatte, durchs geschlossene Fenster zu springen. Irgendwie schaffte ich es, meine Matratze in ein unteres Stockwerk zu zerren, um die Gefahr zu verringern, falls ich plötzlich springen sollte. Ein Arzt kam und gab mir ein starkes Beruhigungsmittel. Am nächsten Tag nahm ich beides, Gin und Beruhigungsmittel. Diese Mischung gab mir bald den Rest. Alle fürchteten um meinen Verstand. Ich auch. Wenn ich trank, konnte ich wenig oder nichts essen. Ich hatte 40 Pfund Untergewicht. Mein Schwager ist Arzt. Mit seiner und meiner Mutter Hilfe wurde ich in ein bekanntes Rehabilitations-Krankenhaus für Alkoholiker gebracht. Durch eine sogenannte Belladonna-Behandlung wurde mein Hirn wieder klar. Hydrotherapie und leichte Gymnastik halfen viel. Doch das Beste war, daß ich einen freundlichen Arzt traf, der mir erklärte, daß ich zwar selbstsüchtig und leichtsinnig gewesen war, aber auch ernsthaft krank, körperlich und geistig. Es erleichterte mich irgendwie, als ich erfuhr, daß Alkoholiker einen erstaunlich geschwächten Willen haben, wenn es darum geht, gegen Alkohol zu kämpfen, obwohl dieser Wille in anderer Beziehung oft stark bleibt. Das erklärte mein unglaubliches Benehmen bei dem verzweifelten Versuch, mit dem Trinken aufzuhören. Da ich nun wußte, wie es um mich stand, keimte neue Hoffnung in mir. Drei oder vier Monate hielt diese Stimmung an. Regelmäßig ging ich in die Stadt und verdiente sogar etwas Geld. Selbsterkenntnis - das war sicherlich die Antwort. Es war nicht die Antwort, denn der gefürchtete Tag kam, an dem ich wieder trank. Mit meiner moralischen und körperlichen Gesundheit ging es rapide bergab. Nach kurzer Zeit war ich wieder im Krankenhaus. Das war das Ende, der Vorhang fiel, so schien es mir. Meiner besorgten und verzweifelten Frau wurde mitgeteilt, daß ich innerhalb eines Jahres entweder durch Herzversagen im Delirium tremens oder durch Gehirnerweichung enden würde. Sie müsse mich bald entweder dem Totengräber oder der Irrenanstalt überlassen. Mir brauchte man das nicht zu sagen. Ich wußte es und begrüßte beinahe den Gedanken. Mein Stolz war aufs tiefste verletzt. Ich, der ich so sehr von mir überzeugt war und von meiner Fähigkeit, Schwierigkeiten zu überwinden, war schließlich in die Ecke gedrängt. Nun sollte ich in die Dunkelheit fallen und mich den endlosen Reihen von Säufern anschließen. Ich dachte an meine arme Frau. Trotz allem waren wir glücklich gewesen. Was würde ich nicht alles geben, um wiedergutzumachen! Damit war es aber jetzt vorbei. Worte können nicht die Einsamkeit und Verzweiflung wiedergeben, die ich im tiefen Morast des Selbstmitleids fand. Treibsand war um mich herum in allen Richtungen. Ich hatte mein Spiel gespielt - und verloren. Der Alkohol war mein Meister. Zitternd verließ ich als gebrochener Mann das Krankenhaus. Furcht ernüchterte mich für kurze Zeit. Dann kam der heimtückische Irrsinn des ersten Glases, und am "Tag der Armee" 1934 war ich wieder voll drin. Alle kamen zu der Überzeugung, daß man mich irgendwo einsperren müsse, oder ich würde elend zugrunde gehen. Wie dunkel ist es doch vor Tagesanbruch. In Wirklichkeit war das der Anfang meiner letzten Saufphase. Bald aber sollte ich in das geschleudert werden, was ich gern als die "vierte Dimension" des Daseins bezeichne. Ich sollte Glück, Frieden und eigene Nützlichkeit kennenlernen in einem neuen Leben, das mit fortschreitender Zeit immer schöner wird. Und das geschah so: Gegen Ende des tristen Novembers saß ich in meiner Küche und trank. Mit einer gewissen Befriedigung dachte ich daran, daß genug Gin im Hause versteckt war, um mich durch die Nacht und über den nächsten Tag zu bringen. Meine Frau arbeitete. Ich überlegte, ob ich es wagen konnte, eine Flasche Gin am Kopfende unseres Bettes zu verstecken. Vor Tagesanbruch würde ich sie brauchen. Meine Überlegungen wurden durch das Telefon unterbrochen. Mit munterer Stimme fragte ein alter Schulfreund, ob er mal rüber kommen könne. Er war nüchtern. Soweit ich mich erinnern konnte, lag es Jahre zurück, daß er in diesem Zustand nach New York gekommen war. Ich war überrascht. Gerüchten zufolge hatte man ihn wegen alkoholischen Irrsinns in eine Klinik eingewiesen. Ich fragte mich, wie er da hatte herauskommen können. Sicher würde er zu Abend essen, und dann könnte ich ganz offen mit ihm trinken. Ohne Rücksicht auf sein Wohlergehen dachte ich nur daran, den Geist früherer Tage heraufzubeschwören. Als Krönung einer Sauftour hatten wir einmal sogar ein Flugzeug gechartert. Sein Kommen war wie eine Oase in dieser trostlosen Wüste sinnlosen Lebens. Das war es - eine Oase! Säufer sind so. Die Tür ging auf, er stand da, frisch rasiert und strahlend. Da war etwas in seinem Blick. Er war auf unerklärliche Weise verändert. Was war geschehen? Ich schob ihm einen Drink zu. Er lehnte ihn ab. Enttäuscht, aber neugierig überlegte ich, was mit dem Kerl geschehen war. Er war nicht mehr er selbst. "Komm, was soll das alles?", fragte ich mit Nachdruck. Er schaute mich offen an. Lächelnd sagte er einfach: "Ich habe meinen Glauben gefunden." Ich war bestürzt. Das war es also. Im vergangenen Sommer ein alkoholischer Spinner und jetzt ein leicht spinnender Glaubensbruder, argwöhnte ich. Er hatte diesen verklärten Blick. Ja, der alte Bursche hatte Feuer gefangen. Lass' ihn schwätzen, meinen Segen hat er! Außerdem würde mein Gin länger halten als sein Predigen. Aber es war kein Geschwätz. Mit einfachen, knappen Worten be- richtete er, wie zwei Männer vor Gericht erschienen waren und den Richter dazu gebracht hatten, seinen Einweisungsbeschluß aufzuhe- ben. Sie hatten von einem einfachen Glaubensgedanken und einem praktischen, zu Aktivität auffordernden Arbeitsprogramm gesprochen. Das war vor zwei Monaten, und das Ergebnis war offensichtlich. Es funktionierte! Er war gekommen, um seine Erfahrungen an mich weiterzugeben - wenn ich Wert darauf legte. Ich war wie vor den Kopf geschlagen, aber dennoch interessiert. Gewiß war ich interessiert. Ich mußte es sein, denn ich war ohne Hoffnung. Er sprach stundenlang. Kindheitserinnerungen tauchten in mir auf. Es war mir, als hörte ich die Stimme des Pfarrers, wenn ich an stillen Sonntagen weit draußen auf den Hügeln saß. Da war dieser Vorschlag zu einem Nüchternheitsgelübde, dem ich nie gefolgt war. Ebenso erinnerte ich mich an den gutmütigen Spott meines Großvaters über die Geistlichkeit und deren Getue, auch daran, daß er darauf beharrte, es gäbe wirklich Musik in den Sphären. Gleichzeitig aber sprach er dem Pfarrer das Recht ab, ihm vorzuschreiben, wie er den Klängen zu lauschen habe. Ich dachte an die Furchtlosigkeit, mit der mein Großvater von all diesen Dingen kurz vor seinem Tode gesprochen hatte. Bei diesen Gedanken, die aus der Vergangenheit auftauchten, hatte ich einen Kloß im Hals. Der Kriegstag in der alten Wingerter Cathedral tauchte wieder auf. Ich hatte immer an eine Macht, größer als ich selbst, geglaubt und hatte mir oft über diese Dinge Gedanken gemacht. Ich war kein Atheist. Tatsächlich gibt es nur wenige Atheisten, denn Atheismus bedeutet blind der seltsamen Theorie zu vertrauen, daß das Universum aus dem Nichts kommt und ziellos in das Nichts rast. Die von mir anerkannten geistigen Größen aus der Chemie, der Astronomie, ja sogar die aus der Abstammungslehre, sprachen von allumfassenden Gesetzen und Kräften, die am Werk waren. Trotz aller gegenteiligen Anzeichen gab es bei mir wenig Zweifel, daß eine machtvolle Absicht und Ordnung allem zugrunde lag. Wie konnte es ohne Geist und Verstand so genaue und unwandelbare Gesetze geben? Ich mußte ganz einfach an einen Geist des Universums glauben, der weder Zeit noch Grenzen kennt. Bis dahin war ich mit meinen Gedanken gekommen. Damit hörte die Gemeinsamkeit zwischen der Geistlichkeit, den Weltreligionen und mir schon auf. Wenn sie von einem Gott sprachen, der mir nahestand, der ein Gott der Liebe, der übermenschlichen Stärke und der Wegweisung war, wurde ich verwirrt, und mein Geist verschloß sich solchen Theorien. Ich war bereit, zuzugestehen, daß Christus ein großer Mann gewesen war, in weitem Abstand gefolgt von denjenigen, die ihn für sich beanspruchen. Seine geistige Lehre hielt ich für ausgezeichnet. Für mich hatte ich das akzeptiert, was mir paßte und bequem war; den Rest beachtete ich nicht. Die Kriege, die Verbrennungen und Grausamkeiten, die durch Religionsstreitigkeiten entfacht worden waren, machten mich krank. Mir kamen ehrliche Zweifel, ob die Religionen den Menschen überhaupt Gutes gebracht hatten. Wenn ich davon ausging, was ich in Europa und danach gesehen hatte, konnte ich von göttlichem Wirken zwischen den Menschen nichts spüren. Hier noch von Brüderlichkeit zu reden, war ein grausamer Witz. Wenn es einen Teufel gab, schien er der Herr der Welt zu sein, und mich hatte er mit Sicherheit in seiner Gewalt. Aber nun saß mein Freund vor mir und erklärte mir geradeheraus, daß Gott für ihn das getan hatte, was er selbst für sich nicht hatte tun können. Sein menschlicher Wille hatte versagt. Ärzte hatten ihn für unheilbar erklärt. Die Gesellschaft war drauf und dran, ihn einzusperren. Wie ich hatte auch er seine totale Niederlage eingestanden. Dann war er tatsächlich wieder von den Toten auferstanden, von einem Abfallhaufen in ein Leben, wie er es besser nie gekannt hatte. Kam diese Kraft aus ihm selbst? Offensichtlich nicht. In ihm war nicht mehr Kraft gewesen als in diesem Augenblick in mir war; und da war gar keine. Das haute mich um. Es dämmerte mir, religiöse Menschen könnten trotz allem recht haben. Hier war etwas im Menschenherzen am Werk, was Unmögliches möglich machte. In dem Moment wurde meine Vorstellung von Wundern drastisch verändert: Weg mit dem alten Hut. Hier saß mir ein Wunder am Küchentisch gegenüber und verkündete große, gute Neuigkeiten. Ich sah, daß mein Freund mehr als eine innerliche Wandlung durch gemacht hatte. Er hatte eine andere Basis. Er wurzelte in neuem Boden. Trotz des lebenden Beispiels meines Freundes blieben in mir Reste meines alten Vorurteils. Das Wort Gott erweckte in mir immer noch eine Art Antipathie. Dieses Gefühl verstärkte sich bei dem Gedan- ken, daß es einen mir nahestehenden Gott geben sollte. Mir lag dieser Gedanke nicht. Für Begriffe wie schöpferische Intelligenz, allumfassender Geist oder Naturgeist konnte ich mich begeistern, aber ich widersetzte mich dem Gedanken an einen Herrscher im Himmel, wie liebevoll seine Herrschaft auch immer sein mochte. Ich habe seither mit einer Menge von Leuten gesprochen, die früher genauso empfunden hatten. Mein Freund machte einen Vorschlag, der mir damals als ein neuer Gedanke erschien. Er sagte: "Warum suchst du dir nicht deinen eigenen Begriff von Gott?" Diese Aufforderung überzeugte mich. Sie ließ den geistigen Eisberg schmelzen, in dessen Schatten ich viele Jahre gelebt und gezittert hatte. Schließlich stand ich im Sonnenlicht. Es kam nur darauf an, bereit zu sein, an eine Macht, größer als ich selbst, zu glauben. Mehr wurde von mir für meinen Anfang nicht gefordert. Ich erkannte, daß von hier aus das Wachstum beginnen konnte. Auf dem Fundament vollständiger Bereitschaft könnte ich das aufbauen, was ich in meinem Freund sah. Würde ich die Bereitschaft haben? Selbstverständlich würde ich. So wurde ich davon überzeugt, daß Gott für uns Menschen da ist, wenn wir ihn wirklich wollen. Endlich sah ich, fühlte ich, glaubte ich. Stolz und Vorurteile fielen wie Schuppen von meinen Augen. Eine neue Welt tat sich auf. Die wirkliche Bedeutung meines Erlebnisses in der Kathedrale ging mir plötzlich auf. Für einen kurzen Augenblick hatte ich Gott gebraucht und gewollt. In mir war eine demütige Bereitschaft, Ihn bei mir zu haben, und Er kam. Aber bald wurde das Gefühl für Seine Gegenwart überdeckt durch laute Geschäftigkeit, vor allem in mir selbst. Und so war es seitdem immer. Wie blind war ich! Den letzten Alkoholentzug machte ich im Krankenhaus. Die Behandlung erschien ratsam, denn ich hatte Anzeichen von Delirium tremens. Dort empfahl ich mich demütig Gott, so wie ich ihn damals verstand, und bat ihn, mit mir zu tun, was er wolle. Ich vertraute mich uneingeschränkt seiner Fürsorge und Leitung an. Zum ersten Mal gab ich zu, daß ich von mir aus nichts war; ohne Ihn war ich verloren. Schonungslos bekannte ich mich zu meinen Sünden und war bereit, sie von diesem neugewonnenen Freund mit Stumpf und Stiel von mir nehmen zu lassen. Seitdem habe ich keinen Alkohol mehr getrunken. Mein Schulfreund besuchte mich, und ich vertraute ihm voll meine Probleme und Mängel an. Wir machten eine Liste von Menschen, die ich verletzt hatte und gegen die ich Groll hegte. Ich erklärte meine völlige Bereitwilligkeit, diesen Leuten meine Fehler einzu- gestehen. Niemals mehr wollte ich sie kritisieren. All diese Dinge mußte ich nach besten Kräften in Ordnung bringen. Ich mußte mein Denken im Licht meiner neuen Gotteserkenntnis überprüfen. Was mir früher als "gesunder Menschenverstand" erschien, war mir jetzt gar nicht mehr so selbstverständlich. Im Zweifel würde ich mich ruhig hinsetzen, Ihn nur um Leitung und Kraft bitten, mich meinen Problemen in Seinem Sinn stellen zu können. Niemals wollte ich etwas für mich selbst erbitten, es sei denn, ich könnte damit anderen nützlich sein. Nur so konnte ich erwarten, etwas zu erhalten. Und das würde in hohem Maße sein. Mein Freund versprach, ich würde in eine neue Beziehung zu meinem Schöpfer treten, wenn diese Dinge getan wären. Ich würde die Grundlagen für eine neue Lebensform erhalten und Antworten auf alle meine Probleme. Die wesentlichen Voraussetzungen waren: Glaube an die Macht Gottes, dazu genug Bereitwilligkeit, Ehrlichkeit und Demut, den Dingen einen neuen Stellenwert zu geben und zu erhalten. Einfach, aber nicht leicht: Ein Preis mußte bezahlt werden. Das bedeutete Zerstörung der Ichbezogenheit. Ich muß mich in allem an den Vater des Lichts wenden, der über uns allen steht. Das waren revolutionäre und einschneidende Vorschläge, aber in dem Augenblick, in dem ich sie voll annahm, hatten sie eine elektrisierende Wirkung. Da war in mir Siegesgefühl, dem Frieden und Gelassenheit folgten, wie ich es vorher nie gekannt habe. Das gab mir unendliches Vertrauen. Ich fühlte mich emporgehoben, wie von einem starken, frischen Bergwind durchweht. Gott offenbart sich den meisten Menschen zögernd. Aber auf mich war sein Wirken schlagartig und tiefgreifend. Für einen Augenblick war ich stark beunruhigt und rief meinen Freund, den Arzt, um ihn zu fragen, ob ich noch bei Verstand sei. Er hörte mir erstaunt zu. Schließlich schüttelte er seinen Kopf und sagte: "Mit dir ist etwas geschehen, was ich nicht verstehe. Aber bleib nur dabei. Besser so als vorher." - Der gute Doktor hat später noch viele Menschen erlebt, die solche Erfahrungen gemacht haben, und er wußte dann, daß es so etwas wirklich gibt. Während ich im Krankenhaus lag, kam mir der Gedanke, daß es Tausende von hoffnungslosen Alkoholikern gab, die glücklich darüber wären, das zu erhalten, was mir so großmütig gegeben worden war. Vielleicht könnte ich einigen von ihnen helfen. Sie wiederum könnten es anderen weitergeben. Mein Freund verwies darauf, wie notwendig es sei, diese Prinzipien allen meinen persönlichen Angelegenheiten zugrunde zu legen. Dazu gehörte vorrangig, mit anderen so zusammenzuarbeiten, wie er es mit mir getan hatte. Glaube ohne Taten sei leblos, sagte er. Wie einleuchtend und wahr für den Alkoholiker! Wenn ein Alkoholiker es versäumte, sein geistiges Leben durch Arbeit und selbstlose Hilfe für andere zu vervollkommnen und zu erweitern, konnte er nicht die mit Sicherheit vor ihm liegenden Versuchungen und Tiefschläge überleben. Wenn er nicht in diesem Sinn arbeitet, wird er bestimmt wieder trinken, und wenn er wieder trinkt, wird er bestimmt sterben. Deshalb ist der Glaube ohne Taten wirklich tot. Und das trifft auf uns ganz sicherlich zu. Meine Frau und ich widmeten uns mit Begeisterung der Aufgabe, anderen Alkoholikern bei der Lösung ihrer Probleme zu helfen. Das traf sich gut. Meine alten Geschäftsfreunde blieben nämlich skep- tisch, so daß ich anderthalb Jahre lang kaum Arbeit fand. Damals ging es mir nicht besonders gut, Wellen von Selbstmitleid und Groll überschwemmten mich. Das trieb mich manchmal fast zum Glas zurück. Bald fand ich heraus: Wenn alle anderen Mittel versagten, konnte ich den Tag retten, indem ich mich um einen anderen Alkoholiker kümmerte. Oft bin ich verzweifelt zu meinem alten Krankenhaus gegangen. Wenn ich mich dort mit jemanden unterhielt, war ich verblüfft, wie schnell ich wieder aufgerichtet und auf die Füße gestellt war. Das ist ein Lebensrezept, das in schwierigen Fällen hilft. Schnell fanden wir viele Freunde. Es bildete sich eine Gemein- schaft, und es ist eine wunderbare Sache, daran teilzuhaben. Wir können uns des Lebens freuen, selbst unter Druck und Schwierigkeiten. Ich habe Hunderte von Familien gesehen, die ihre Füße auf diesen Weg gesetzt haben, der wirklich zu einem Ziel führt. Wir haben gesehen, daß die unmöglichsten häuslichen Verhältnisse wieder in Ordnung kamen. Streit und Verbitterung aller Art verschwanden. Ich habe Menschen gesehen, die aus Anstalten kamen und ihren wichtigen Platz im Leben der Familien und Gemeinden wieder einnahmen. Geschäftsleute und Akademiker haben ihr Ansehen wiedergewonnen. Es gibt kaum eine Form von Ärger und Elend, die wir nicht bewältigt haben. In einer Stadt im Westen und in deren Umgebung gibt es tausend von uns und unseren Familien. Wir treffen uns häufig, so daß Neulinge die Gemeinschaft finden können, die sie suchen. An diesen zwanglosen Zusammenkünften nehmen oft zwischen fünfzig und zweihundert Personen teil. An Zahl und Kraft nehmen wir ständig zu. Ein Alkoholiker, der noch am Glas hängt, ist kein liebenswertes Geschöpf. Unser Ringen um sie ist unterschiedlich anstrengend, oft komisch und manchmal tragisch. Ein armer Kerl beging bei uns zu Haus Selbstmord. Er konnte oder wollte unsere Art zu leben nicht begreifen. Dennoch haben wir viel Freude an allem. Ich vermute, daß mancher schockiert ist über unsere scheinbare Frivolität und Weltlichkeit. Dahinter aber verbirgt sich tödlicher Ernst. Der Glaube muß 24 Stunden am Tag in uns und durch uns arbeiten, oder wir kommen um. Die meisten von uns erkennen, daß wir nicht weiter nach Utopia suchen müssen. Wir haben es jetzt und hier. Täglich wird aus dem einfachen Gespräch mit meinem Freund in unserer Küche ein sich erweiternder Kreis von Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. (Bill W., Mitbegründer der AA-Gemeinschaft, ist am 24. Januar 1971 gestorben.) Kapitel 2 Es gibt eine Lösung Wir Anonymen Alkoholiker kennen Tausende von Männern und Frauen, die einst genauso hoffnungslos waren wie Bill. Fast alle haben ihre Gesundheit wieder erlangt. Sie haben das Trinkproblem gelöst. Wir sind Durchschnitts-Amerikaner. Alle Schichten und viele Berufe sind bei uns ebenso vertreten wie politische, wirtschaftliche, soziale und religiöse Richtungen. Wir sind Menschen, die normalerweise keinen Umgang miteinander hätten. Jedoch besteht zwischen uns eine Kameradschaft, ein gegenseitiges Wohlwollen und Verständnis. Das ist unbeschreiblich schön. Wir fühlen uns wie Passagiere eines Ozeanriesen nach der Rettung aus Seenot, wenn Verbrüderung, Lebensfreude und Gemeinschaftsgefühl das Schiff erfüllen, vom Maschinenraum bis zur Kommandobrücke. Im Gegensatz zu den Schiffspassagieren hört unsere Freude über das Entkommen aus der Katastrophe nicht auf, wenn wir nachher wieder unsere eigenen Wege gehen. Das Gefühl, gemeinsam eine Gefahr durchstanden zu haben, ist ein Teil der Kraft, die uns verbindet. Doch das allein würde uns nie so zusammengehalten haben, wie wir heute zusammenstehen . Für jeden von uns ist es eine unvorstellbare Tatsache, daß wir eine gemeinsame Lösung gefunden haben. Wir haben einen Weg gefunden, über den wir uns einig sind und auf dem wir brüderlich vereint und in voller Harmonie weitergehen. Das ist die gute Nachricht, die dieses Buch den Menschen bringt, die noch unter Alkoholismus leiden. Eine Krankheit dieser Art -wir sind zu der Überzeugung gekommen, daß es eine Krankheit ist- bezieht unsere Umgebung so mit ein wie keine andere Krankheit. Hat jemand Krebs, wird er von allen bemitleidet, und keiner ist verärgert oder verletzt. Nicht so aber bei der Alkoholkrankheit, denn mit ihr geht eine Vernichtung aller Dinge einher, die den Wert des Lebens ausmachen. Sie zieht alle mit herunter, deren Leben mit dem Leidenden verbunden ist. Diese Krankheit hat in ihrem Gefolge: Mißverständnisse, tiefe Verärgerung, finanzielle Unsicherheit, angewiderte Freunde und verärgerte Arbeitgeber. Mitbetroffen sind auch unschuldige Kinder, unglückliche Frauen und Eltern. Diese Liste läßt sich beliebig fortsetzen. Wir hoffen, daß dieses Buch diejenigen informiert und tröstet, die betroffen sind oder jemals betroffen sein könnten. Davon gibt es viele. Hochqualifizierte Psychiater, die mit uns zu tun hatten, waren manchmal nicht in der Lage, einen Alkoholiker dazu zu bringen, rückhaltlos über seinen Zustand zu sprechen. Seltsamerweise finden Ehefrauen, Eltern und nahe Freunde uns Alkoholiker gewöhnlich noch unzugänglicher als der Psychiater und der Arzt. Der ehemals süchtige Trinker, der den Ausweg gefunden hat und der gewappnet ist mit Erkenntnissen über sich selbst, kann im allgemeinen das volle Vertrauen eines anderen Alkoholikers in wenigen Stunden gewinnen. Ehe es aber zu einem solchen gegenseitigen Verstehen kommt, ist nur wenig oder nichts zu erreichen. Derjenige, der auf den Alkoholiker zugeht, hatte die gleichen Schwierigkeiten und weiß, wovon er spricht. Aus der ganzen Haltung seines Gesprächspartners erkennt der Betroffene, daß das der Mann mit der richtigen Antwort ist. Dieser Mann hat nicht die Einstellung: "Ich bin besser als du!" Er hat nur den aufrichtigen Wunsch zu helfen. Es sind keine Beiträge zu zahlen, es werden keine eigennützigen Zwecke verfolgt, es wird niemandem schön getan, es müssen keine Moralpredigten ertragen werden. Das sind die wirksamsten Voraussetzungen dafür, daß jemand aufstehen und wieder leben kann. Niemand von uns empfindet diese Arbeit als einzige Berufung. Wir glauben auch nicht, daß wir erfolgreicher wären, wenn wir es täten. Wir glauben, daß das Aufhören mit dem Trinken nur ein Anfang ist. Wichtiger ist es, die neuen Grundsätze zu Haus, im Beruf und im Geschäftsleben anzuwenden. Wir alle verbringen viel von unserer freien Zeit im Bemühen um andere Alkoholiker, was wir noch näher beschreiben werden. Nur wenigen ist es möglich, nahezu ihre gesamte Zeit dieser Aufgabe zu widmen. Wenn wir auf dem Weg bleiben, den wir beschritten haben, wird zweifellos viel Gutes erreicht; dennoch ist damit kaum mehr als die Oberfläche des Problems angekratzt. Diejenigen von uns, die in großen Städten leben, sind betroffen bei dem Gedanken, daß täglich Hunderte von Alkoholikern in Vergessenheit geraten. Viele könnten genesen, wenn sie die Gelegenheit hätten, wie wir sie gehabt haben. Wie können wir das weitergeben, was uns so bereitwillig gegeben wurde? Wir haben beschlossen, anonym ein Buch zu veröffentlichen, in welchem wir das Problem so darstellen, wie wir es sehen. In diese Arbeit werden wir unsere gesammelten Erfahrungen und Kenntnisse einbringen. Wir empfehlen damit ein brauchbares Programm für jeden, der ein Problem mit dem Trinken hat. Es ist notwendig, daß medizinische, psychiatrische, gesellschaft liche und religiöse Fragen diskutiert werden. Dabei sind wir uns bewußt, daß diese Themen von ihrer Substanz her oft strittig sind. Nichts würde uns mehr Freude bereiten, als ein Buch zu schreiben, das keinen Anlaß für Streit und Auseinandersetzungen gibt. Wir werden unser Bestes tun, dieses Ideal zu verwirklichen. Die meisten von uns spüren, daß echte Toleranz gegenüber Fehlern und Ansichten anderer Menschen und die Achtung vor ihren Meinungen eine Einstellung ist, die uns für andere nützlicher macht. Für uns Alkoholiker hängt das Leben im wahrsten Sinne des Wortes davon ab, daß wir ständig an andere Alkoholiker denken und nach Wegen suchen, ihnen aus der Not zu helfen. Sie werden sich sicher schon gefragt haben, warum wir alle vom Trinken schwer krank wurden. Sie sind ohne Zweifel neugierig, wie und warum wir, trotz gegenteiliger Ansicht von Fachleuten aus einer hoffnungslosen Erkrankung von Geist und Körper genesen konnten. Wenn Sie Alkoholiker sind und mit dem Trinkproblem fertig werden wollen, werden Sie vielleicht fragen: "Was muß ich tun?" Dieses Buch soll diese Fragen eingehend beantworten. Wir werden Ihnen erzählen, was wir getan haben. Bevor wir darauf im einzelnen zu sprechen kommen, wird es gut sein, einige Punkte zusammenzufassen, so wie wir sie sehen. Wie oft hat man uns gesagt: "Ich kann Alkohol trinken oder stehen lassen. Warum kann er es nicht?" "Warum trinkst du nicht wie ein normaler Mensch oder läßt es ganz?" "Dieser Bursche kann mit Schnaps nicht umgehen." "Warum versuchst du es nicht mit Bier oder Wein?" "Laß die Finger von harten Sachen!" "Er muß willensschwach sein." "Er könnte aufhören, wenn er nur wollte." "Sie ist so ein nettes Mädchen, ich könnte mir vorstellen, daß er ihretwegen aufhört." "Der Arzt hat ihm gesagt, wenn er je wieder trinken würde, wäre das sein Tod, trotzdem ist er schon wieder voll." Das sind die üblichen Bemerkungen über Trinker, wie wir sie ständig hören. Hinter solchen Worten steht eine ganze Welt von Unwissenheit und Unverständnis. Solche Äußerungen können nur von Leuten stammen, die auf das Problem ganz anders reagieren als wir. Normal trinkende Menschen haben kaum Schwierigkeiten, den Alkohol völlig aufzugeben, wenn sie einen guten Grund dafür haben. Sie können trinken oder es jederzeit lassen. Dann gibt es noch den bestimmten Typ des harten Trinkers. Seine Trinkgewohn- heit kann unter Umständen seine körperliche und geistige Gesundheit beeinträchtigen. Dadurch kann er ein paar Jahre früher sterben. Schlechte Gesundheit, große Liebe, eine neue Umgebung oder ein strenger Arzt können ihn veranlassen, ganz aufzuhören oder nur noch mäßig zu trinken. Das kann mühsam und schwierig für ihn sein, vielleicht braucht er dafür sogar ärztliche Hilfe. Wie aber ist es mit dem echten Alkoholiker? Er mag am Anfang mäßig trinken. Er kann oder kann auch nicht ein schwerer Gewohnheitstrinker werden. An einem Punkt seiner Trinkerlaufbahn jedoch fängt er an, jede Kontrolle über seinen Alkoholkonsum zu verlieren, sobald er zu trinken beginnt. Das ist der Bursche, der Ihnen durch seinen Kontrollverlust Rätsel aufgibt. In seinem Rausch treibt er alberne, unglaubliche und tragische Dinge. Einen leichten Schwips hat er selten, meistens ist er mehr oder weniger sinnlos betrunken. Wenn er trinkt, ist er nicht mehr er selbst. Er mag einer der feinsten Kerle der Welt sein, doch wenn er nur einen Tag trinkt, wird er oft widerlich oder gemeingefährlich. Er hat die seltene Gabe, sich genau im falschen Moment zu betrinken, besonders dann, wenn eine wichtige Entscheidung getroffen oder eine Verabredung eingehalten werden muß. Er ist oft sehr vernünftig und in allen Dingen ausgeglichen, nur nicht, wenn es um Alkohol geht. In dieser Beziehung ist er unglaublich unehrlich und selbstsüchtig. Er besitzt oft besondere Fähigkeiten, Fertigkeiten und Begabungen und hat eine vielversprechende Karriere vor sich. Er benutzt seine Gaben, um sich und seiner Familie eine vielversprechende Zukunft aufzubauen, die er dann wieder kaputtmacht durch eine sinnlose Serie von Besäufnissen. Er geht so betrunken zu Bett, daß er normalerweise rund um die Uhr schlafen müßte. Aber bereits früh am nächsten Morgen sucht er wie wild nach der Flasche, die er die Nacht zuvor irgendwo versteckt hatte. Wenn er es sich leisten kann, hat er im ganzen Haus Alkoholdepots angelegt, um sicher zu sein, daß ihm keiner seinen ganzen Vorrat wegnimmt, um ihn in den Ausguß zu schütten. Wenn sein Zustand schlimmer wird, fängt er an, starke Beruhigungsmittel zusammen mit Alkohol zu schlucken, um seine Nerven soweit zu beruhigen, damit er zur Arbeit gehen kann. Dann kommt der Tag, an dem er es so nicht mehr schafft und an dem er rund um die Uhr trinkt. Vielleicht geht er zu einem Arzt, der ihm Morphium oder irgendwelche Beruhigungsmittel gibt, damit er langsam wieder zu sich finden kann. Von da an taucht er immer wieder in Krankenhäusern und Sanatorien auf. Das ist keineswegs ein vollständiges Bild des Alkoholikers. Die Erscheinungsformen unserer Krankheit sind sehr unterschiedlich. Im allgemeinen kann man nach dieser Beschreibung einen Alkoholiker erkennen. Warum benimmt er sich so? Warum trinkt er dann den ersten Schluck, wenn hundertfache Erfahrung ihm gezeigt hat, daß ein Glas wieder einen erneuten Zusammenbruch mit all den begleitenden Leiden und Erniedrigungen bedeutet? Warum kann er nicht trocken bleiben? Was ist aus dem gesunden Menschenverstand und der Willenskraft geworden, die in anderen Dingen manchmal ja noch funktionieren? Wahrscheinlich wird es auf diese Frage nie eine erschöpfende Antwort geben. Die Meinungen darüber, warum ein Alkoholiker anders reagiert als andere Menschen, gehen weit auseinander. Wir wissen nicht, warum so wenig für ihn getan werden kann, wenn einmal ein gewisser Punkt erreicht ist. Wir können dieses Rätsel nicht lösen. Wir wissen, daß der Alkoholiker oft genau wie andere Menschen reagiert, wenn er nicht trinkt - was er manchmal über Monate oder Jahre schafft. Wir wissen aber auch, daß in dem Augenblick, in dem er Alkohol in irgendeiner Form zu sich nimmt, in körperlicher und geistiger Hinsicht etwas geschieht, das es ihm unmöglich macht aufzuhören. Die Erfahrungen aller Alkoholiker werden das zur Genüge bestätigen. Diese Beobachtungen wären graue Theorie und überflüssig, wenn unser Freund nie wieder den ersten Schluck trinken würde, mit dem er diesen schrecklichen Kreislauf in Bewegung setzt. Deshalb sitzt das Hauptproblem des Alkoholikers in seinem Kopf und weniger in seinem Körper. Wenn Sie ihn fragen, warum er mit dem letzten Besäufnis angefangen hat, wird er Ihnen wahrscheinlich eines seiner hundert Alibis anbieten. Manchmal haben diese Entschuldigungen eine gewisse Glaubwürdigkeit, aber keine von ihnen hält wirklich stand, wenn man die Verwüstung betrachtet, die das Besäufnis eines Alkoholikers anrichtet. Diese Entschuldigungen hören sich an wie die Philosophie eines Mannes, der sich bei Kopfweh mit dem Hammer auf den Kopf schlägt, um seine Schmerzen nicht mehr zu spüren. Wenn Sie einen Alkoholiker auf diese wackeligen Ausreden aufmerksam machen, wird er entweder alles ins Lächerliche ziehen oder den Beleidigten spielen und sich weigern, darüber zu reden. Hin und wieder wird er die Wahrheit erzählen. So seltsam es klingt, wahr ist: Er weiß meist genausowenig wie Sie, warum er den ersten Schluck getrunken hat. Einige Trinker sind mit ihren Entschuldigungen eine Zeitlang zufrieden. Aber in Wirklichkeit wissen sie nicht, warum sie wieder trinken. Von dieser Krankheit gepackt, wissen sie nicht mehr ein noch aus. Besessen glauben sie, irgendwie, irgendwann das Spiel doch noch zu gewinnen. Oft aber ahnen sie schon, daß sie am Boden liegen und darauf warten, ausgezählt zu werden. Wie wahr das ist, begreifen wenige. Irgendwie spüren ihre Familien und ihre Freunde, daß diese Trinker abnorm sind, aber jeder wartet voller Hoffnung auf den Tag, an dem der Leidende sich aus seiner Lethargie befreit und seine Willenskraft einsetzt. Die traurige Wahrheit ist, daß dieser Tag nie kommt, wenn der Betroffene wirklich Alkoholiker ist. Er hat die Kontrolle verloren. Jeder Alkoholiker überschreitet irgendwann die Grenze und kommt in ein Stadium, wo auch der sehnlichste Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören, nichts mehr nützt. Dieser tragische Zustand ist meistens schon früher erreicht, als allgemein vermutet wird. Es ist eine Tatsache, daß die meisten Alkoholiker aus noch unbekannten Gründen keine andere Wahl haben, als zu trinken. Unsere sogenannte Willenskraft existiert praktisch nicht mehr. Wir sind zu bestimmten Zeiten beim besten Willen nicht in der Lage, uns die Erinnerung an Leiden und Demütigungen ins Bewußtsein zurückzurufen, selbst wenn sie nur eine Woche oder einen Monat zurückliegen. Wir sind ohne Abwehrkraft gegen das erste Glas. Die Konsequenzen, die auch nur ein Glas Bier nach sich zieht, lassen uns nicht davor zurückschrecken, es zu trinken. Wenn solche Gedanken auftauchen, sind sie nebelhaft und werden nur zu gern von der fadenscheinigen Vorstellung verdrängt, daß wir uns diesmal so wie andere Leute im Griff haben werden. Der Instinkt, der uns beispielsweise davon abhält, unsere Hand auf einen heißen Ofen zu legen, versagt hier vollkommen. Der Alkoholiker sagt vielleicht ein bißchen leichtsinnig: "Diesmal werde ich mich nicht verbrennen - was soll's!" Vielleicht denkt er sich auch garnichts dabei. Wie oft haben einige von uns auf die lässige Art angefangen zu trinken und nach dem dritten oder vierten Glas auf die Theke geklopft und zu sich selbst gesagt: "Mein Gott, wie konnte ich nur wieder anfangen?" Dieser Gedanke wird sofort wieder verdrängt durch: "Na gut, nach dem sechsten Glas werde ich aufhören." oder "Was hat das überhaupt für einen Sinn?" Wenn sich diese Denkweise in einem Menschen festsetzt, der zum Alkoholiker veranlagt ist, kann menschliche Hilfe bei ihm kaum noch etwas ausrichten. Wenn er dann nicht eingesperrt wird, kann er sterben oder wahnsinnig werden. Legionen von Alkoholikern haben diese unumstößlichen und häßlichen Tatsachen im Laufe der Geschichte bestätigt. Ohne die Gnade Gottes, durch die Alkoholiker eine Lösung ihrer Probleme gefunden haben, wären es noch Tausende solcher Beispiele mehr, denn viele wollen aufhören, schaffen es aber nicht allein. Es gibt eine Lösung. Keinem von uns fiel die Selbsterforschung, der Abbau unseres Hochmuts, das Bekennen unserer Unzulänglichkeiten leicht. Aber all das ist nötig, um das Ziel zu erreichen. Wir sahen, daß diese Methode bei anderen wirkte, und erkannten, daß unser Leben, wie wir es bisher gelebt hatten, hoffnungslos und leer war. Wenn wir Menschen trafen, die ihr Problem gelöst hatten, blieb uns garnichts anderes übrig, als dieses spirituelle Handwerkszeug aufzuheben, das sie uns vor die Füße gelegt hatten. Wir haben ein Stück Himmel gefunden und sind in eine neue Dimension unserer Existzenz gelangt, von der wir noch nicht einmal geträumt hatten. Es ist doch eine Tatsache, daß wir tiefe und wirkungsvolle seelische, innerliche Erfahrungen* gemacht haben, die unsere ganze Einstellung zum Leben, zu unseren Mitmenschen und zu Gottes Weltall völlig geändert haben. Unser heutiges Dasein basiert auf der absoluten Gewißheit, daß unser Schöpfer auf eine wunderbare Art den Weg zu unseren Herzen gefunden hat und in unser Leben eingetreten ist. Er hat für uns Dinge vollendet, die wir allein nie zustande gebracht hätten. Wenn Sie ein so schwerkranker Alkoholiker sind, wie wir es waren, gibt es nach unserer Überzeugung für Sie keine halbe Lösung mehr. Wir waren da angekommen, wo unser Leben sinnlos geworden war. Wir hatten den Zustand erreicht, in dem es durch menschliche Hilfe kein Zurück mehr gab. Uns blieben nur zwei Möglichkeiten: entweder bis zum bitteren Ende zu gehen und das Bewußtsein unserer unerträglichen Lage auszulöschen - oder wir mußten seelische Hilfe annehmen. Das taten wir, weil wir es ehrlich wünschten und bereit waren, dafür etwas zu tun. Ein amerikanischer Geschäftsmann - fähig, vernünftig und mit gutem Charakter - zog jahrelang von einem Sanatorium ins andere. Er hatte die bekanntesten amerikanischen Psychiater konsultiert. Dann war er nach Europa gegangen und hatte sich in die Behandlung eines bekannten Arztes (des Psychiaters Dr. Jung) begeben. Obwohl Erfahrung den Geschäftsmann skeptisch gemacht hatte, brachte er die Behandlung voll Vertrauen zu Ende. Sein körperlicher und geistiger Zustand wurde ungewöhnlich gut. Überdies glaubte er, jetzt ein so gründliches Wissen über die Vorgänge in seinem Geist zu haben und die darin verborgenen Quellen zu kennen, daß er einen Rückfall für undenkbar hielt. Trotzdem war er nach kurzer Zeit wieder betrunken. Er war wie vor den Kopf gestoßen, daß er sich keine einleuchtende Erklärung über seinen Rückfall geben konnte. Er ging wieder zu diesem Arzt zurück, den er bewunderte, und fragte geradeheraus, warum er nicht gesund werden könne. Vor allem wünsche er sich, seine Selbstkontrolle wiederzuerlangen. In bezug auf andere Probleme schien er recht vernünftig und ausgeglichen zu sein. Über Alkohol jedoch hatte er keinerlei Kontrolle. Wie kam das? Er bat den Arzt, ihm die ganze Wahrheit zu sagen. Die Bitte wurde erfüllt. Nach dem Urteil des Arztes war der Geschäftsmann ein absolut hoffnungsloser Fall. Er könne seine gesellschaftliche Stellung nie wieder erlangen. Und wenn er lange leben wolle, müßte er sich hinter Schloß und Riegel begeben oder einen Leibwächter engagieren. Das war die Meinung eines großen Arztes. Doch dieser Mann lebt noch und ist ein freier Mann. Weder braucht er einen Leibwächter, noch ist er eingesperrt. Er kann überall auf dieser Welt hingehen, wo andere freie Menschen hingehen, ohne ins Unglück zu laufen, vorausgesetzt, er ist bereit, ein paar einfache Lebensregeln zu befolgen. Einige unserer alkoholkranken Leser mögen der Ansicht sein, daß sie ohne seelische Hilfe auskommen. Laßt uns den Fortgang der Unterhaltung erzählen, die unser Freund mit seinem Arzt hatte. Der Arzt sagte ihm: "Sie haben die Geisteshaltung eines chronischen Alkoholikers. Ich habe noch keinen genesen sehen, bei dem diese Geisteshaltung schon so weit fortgeschritten war wie bei Ihnen." Unser Freund hatte das Gefühl, als hätten sich die Tore der Hölle mit einem Knall hinter ihm geschlossen. *Vgl. den Anhang "Die seelische Erfahrung." Er sagte zum Arzt: "Gibt es da keine Ausnahme?" "Doch", antwortete der Arzt, "auch in Fällen, wie dem Ihren, hat es seit jeher Ausnahmen gegeben. Hier und dort, ab und zu, hatten Alkoholiker das, was man eine lebenswichtige, seelisch-innerliche Erfahrung nennt. Solche Ereignisse waren für mich eine Art Wunder. Sie treten als gewaltige Gefühlsbewegung und eine Art Neuorientierung auf. Ideen, Gefühle und Haltungen, die einst die bestimmenden Kräfte im Leben dieser Menschen waren, werden plötzlich über Bord geworfen, und völlig neue Vorstellungen und Beweggründe treten bei ihnen in den Vordergrund. Tatsächlich habe ich versucht, in Ihnen etwas von solch einer gefühlsmäßigen Neuorientierung auszulösen. Bei vielen sind die Methoden, die ich angewandt habe, erfolgreich, aber ich hatte nie Erfolg bei einem Alkoholiker Ihres Schlages. Als unser Freund das gehört hatte, war er etwas erleichtert. Er überlegte sich, daß er immerhin ein gutes Mitglied der Kirche war. Die darauf gegründete Hoffnung zerstörte ihm der Arzt jedoch, indem er ihm sagte, daß seine religiösen Überzeugungen zwar gut seien, sie ihm in diesem Falle aber nicht die nötige, lebenswichtige seelische Erfahrung vermittelten. Das war das schreckliche Dilemma, in dem sich unser Freund befand, als er die außergewöhnliche Erfahrung machte, die wir bereits geschildert haben und die aus ihm einen freien Mann machte. Wir selbst suchten mit der Verzweiflung Ertrinkender den gleichen Ausweg. Was zuerst nur wie ein schwacher Strohhalm aussah, das erwies sich als liebende und starke Hand Gottes. Ein neues Leben wurde uns gegeben, oder, wenn Sie so wollen, "eine neue Lebensperspektive", nach der sich tatsächlich leben läßt. Der angesehene amerikanische Psychologe William James beschreibt in seinem Buch "Vielfalt der religiösen Erfahrungen" eine Anzahl von Wegen, auf denen Menschen Gott entdeckt haben. Wir wollen niemanden davon überzeugen, daß nur ein Weg zum Glauben führt. Wenn das, was wir gelernt, gefühlt und gesehen haben, überhaupt eine Bedeutung hat, dann diese: Wir alle, gleich welcher Rasse, welchen Glaubens oder welcher Hautfarbe, sind Kinder eines lebendigen Schöpfers, und wir können zu ihm auf einfache und leicht verständliche Weise in Beziehung treten, wenn wir nur bereit und ehrlich genug sind, es zu versuchen. Jene Menschen, die religiöse Bindungen haben, werden dabei nichts finden, was ihren Glauben oder ihre Glaubensausübung stört. Darüber gibt es bei uns keine Meinungsverschiedenheiten. Wir sind der Meinung, daß es uns nichts angeht, zu welcher Glau bensrichtung sich jeder einzelne zugehörig fühlt. Das sollte eine ganz persönliche Angelegenheit sein, die jeder für sich selbst im Hinblick auf seine früheren Bindungen oder nach seiner heutigen Wahl entscheidet. Nicht jeder von uns schließt sich einer Glaubensgemeinschaft an, aber die meisten neigen dazu. Im folgenden Kapitel wird erklärt, was wir unter Alkoholismus verstehen. Danach wendet sich ein Kapitel an Agnostiker, von denen jetzt viele zu uns gehören. Erstaunlicherweise zeigt es sich, daß eine solche Überzeugung kein großes Hindernis für eine seelische Erfahrung ist. Weiter geht es mit klaren Empfehlungen, wie wir gesund wurden. Später folgen Lebensgeschichten von Alkoholikern. In den persönlichen Berichten beschreibt jeder einzelne in seiner Sprache und aus seiner Sicht, wie er seine Verbindung zu Gott fand. Diese Geschichten ergeben einen Querschnitt unserer Gemeinschaft und lassen ganz klar erkennen, was sich im Leben jedes einzelnen ereignete. Wir hoffen, daß niemand an diesen offenherzigen Selbstbekenntnissen Anstoß nimmt. Wir hoffen, daß viele alkoholkranke Männer und Frauen, die es dringend brauchen, diese Seiten in die Hand bekommen. Wir glauben, daß nur eine rückhaltlose Darstellung unserer selbst und unserer Probleme sie dazu bringt zu sagen: "Ja, ich bin auch einer von ihnen; das brauche ich." Kapitel 3 Mehr über Alkoholismus Die meisten von uns wollten nicht zugeben, Alkoholiker zu sein. Keiner mag den Gedanken, sich körperlich und geistig von anderen zu unterscheiden. Deshalb überrascht es nicht, daß Trinkerkarrieren von zahllosen vergeblichen Versuchen gekennzeichnet sind, so zu trinken wie andere Leute. Der Gedanke, irgendwie, irgendwann sein Trinken kontrollieren und genießen zu können, ist eine fixe Idee jedes anormalen Trinkers. Es ist erstaunlich, mit welcher Hartnäckigkeit an dieser Illusion festgehalten wird. Viele bleiben dabei, bis sie die Schwelle des Irrsinns überschritten oder den Tod vor Augen haben. Wir haben gelernt, daß wir in unserem tiefsten Inneren rückhaltlos zugeben mußten, Alkoholiker zu sein. Das ist der erste Schritt zur Genesung. Der Wahn, daß wir wie andere sind oder je wieder werden könnten, muß zerschlagen werden. Wir Alkoholiker sind Männer und Frauen, die die Fähigkeit verloren haben, kontrolliert zu trinken. Wir wissen, daß kein Alkoholiker jemals wieder kontrolliert trinken kann. Wir alle durchlebten Zeiten, in denen wir meinten, die Kontrolle wieder erlangt zu haben. Auf solche, meistens kurzen Intervalle folgte unweigerlich ein noch größerer Kontrollverlust, der nach einiger Zeit zu einem erbärmlichen, unfaßbaren Verfall führte. Bei uns gibt es keinen Zweifel, daß Alkoholiker wie wir in der Gewalt einer fortschreitenden Krankheit sind, die immer schlimmer wird, aber niemals besser. Wir sind wie Menschen, die ihre Beine verloren haben; ihnen wachsen niemals neue. Genausowenig scheint es irgendeine Art der Behandlung zu geben, die aus Alkoholikern "Normalverbraucher" macht. Wir haben jede Möglichkeit der Heilung erprobt, die man sich nur vorstellen kann. In einigen Fällen gab es eine kurzzeitige Besserung, der immer ein noch schlimmerer Rückfall folgte. Ärzte, die sich mit dem Alkoholismus auskennen, stimmen in der Ansicht überein, daß es keine Möglichkeit gibt, aus einem Alkoho liker einen normalen Trinker zu machen. Vielleicht wird die Wis senschaft das eines Tages fertigbringen, aber soweit ist es noch nicht. Trotz allem, was wir sagen, wollen viele Alkoholiker nicht glauben, daß es auch auf sie zutrifft. Sie versuchen auf jede nur mögliche Art der Selbsttäuschung und des Herumexperimentierens sich selbst zu beweisen, daß sie die Ausnahme von der Regel - und somit keine Alkoholiker sind. Wenn jemand, der früher nicht kontrolliert trinken konnte, plötzlich eine Kehrtwendung zustandebringt, und wie ein Gentleman trinken kann, dann ziehen wir unseren Hut vor ihm. Der Himmel weiß, wie lange und wie angestrengt wir versucht haben, so wie andere Leute zu trinken! Nachfolgend einige der Methoden, die wir ausprobiert haben: Nur Bier trinken, eine begrenzte Menge trinken, nie allein trinken, nie frühmorgens trinken, nur zu Hause trinken, nie Alkohol im Haus haben, nie während der Dienstzeit trinken, nur auf Partys trinken, von Whisky auf Cognac übergehen, nur Naturwein trinken, bei Trunkenheit am Arbeitsplatz mit der Kündigung einverstanden sein, eine Reise unternehmen, keine Reise unternehmen, für immer abschwören (mit und ohne heiligem Eid), mehr Sport treiben, spannende Bücher lesen, in ein Entziehungsheim oder in ein Sanatorium gehen, freiwillig in eine geschlossene Anstalt gehen - die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Wir möchten keinen zum Alkoholiker abstempeln, aber Sie können sich sehr schnell selbst die Diagnose stellen. Gehen Sie in die nächste Kneipe und versuchen Sie, kontrolliert zu trinken. Versuchen Sie zu trinken und ganz plötzlich aufzuhören. Versuchen Sie es mehr als einmal. Wenn Sie ehrlich zu sich selbst sind, brauchen Sie nicht lange, um zu wissen, was mit Ihnen los ist. Genaue Kenntnis Ihres Zustands mag durchaus ein großes Zittern wert sein. Obwohl es nicht zu beweisen ist, glauben wir, daß die meisten von uns am Anfang ihrer Trinkerlaufbahn mit dem Trinken hätten aufhören können. Die Schwierigkeit besteht jedoch darin, daß bei wenigen Alkoholikern der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören, stark genug ist, wenn es noch Zeit wäre. Wir haben von einigen wenigen Fällen gehört, in denen Leute, die deutliche Anzeichen von Alkoholismus zeigten, aufgrund eines übermächtigen Wunsches für eine lange Zeit mit dem Trinken aufhören konnten. Hier ist so ein Fall: Ein Mann von dreißig Jahren ging häufig auf Zechtour. Nach solchen Gelagen war er morgens sehr nervös und beruhigte sich wieder mit Alkohol. Er war ehrgeizig im Beruf, aber er sah, daß er nichts erreichen würde, solange er überhaupt noch trank. Wenn er einmal anfing, verlor er jede Kontrolle. Er beschloß, keinen Tropfen mehr anzurühren, bis er nach erfolgreichem Geschäftsleben sich zur Ruhe setzen würde. Ein außergewöhnlicher Mann. Er blieb fünfundzwanzig Jahre lang knochentrocken und setzte sich im Alter von fünfundfünfzig nach einer erfolgreichen und befriedigenden Karriere zur Ruhe. Dann wurde er das Opfer eines Irrglaubens, dem fast jeder Alkoholiker unterliegt: Eine lange Zeit der Nüchternheit und Selbstdisziplin würde ihn qualifizieren, wie andere zu trinken. Er zog die Pantoffeln an und die Flaschen hervor. Nach zwei Monaten fand er sich im Krankenhaus wieder - verwirrt und gedemütigt. Danach versuchte er für eine Weile, mit dem Trinken maßzuhalten, kam aber um einige Krankenhausaufenthalte nicht herum. Mit aller Kraft versuchte er schließlich, ganz aufzuhören, und stellte fest, daß er es nicht konnte. Er hatte zur Lösung seines Problems jede Möglichkeit, die mit Geld zu kaufen war. Jeder Versuch schlug fehl. Obwohl er zu Beginn seines Ruhestandes ein robuster Mann war, verfiel er dann schnell und starb nach vier Jahren. Dieser Fall enthält eine eindringliche Lehre. Die meisten von uns haben geglaubt, sie könnten wieder normal trinken, wenn sie eine lange Zeit nüchtern blieben. Aber hier ist ein Mann, der mit fünfundfünfzig Jahren erfahren mußte, daß er genau dort war, wo er mit dreißig aufgehört hatte. Immer und immer wieder sehen wir: Einmal Alkoholiker - immer Alkoholiker! Wenn wir nach einer Zeit der Nüchternheit wieder mit dem Trinken anfangen, sind wir in kurzer Zeit wieder so übel dran wie vorher. Wenn wir uns vornehmen, mit dem Trinken aufzuhören, darf es keinen Vorbehalt geben, und in keinem Winkel unseres Hinterkopfes darf die Hoffnung lauern, eines Tages normal trinken zu können. Die Lebensgeschichte dieses Mannes bringt junge Menschen vielleicht auf die Idee, daß sie wie er aus eigener Willenskraft aufhören könnten. Wir zweifeln daran, daß das viele fertigbringen, denn keiner will wirklich aufhören. Kaum einer wird den Zeitpunkt erleben, an dem er herausfindet, ob er es geschafft hat, weil er schon das dem Alkoholiker eigentümliche, verdrehte Denken erworben hat. In unserer Gruppe gibt es einige, die dreißig Jahre oder noch jünger sind. Sie hatten nur ein paar Jahre getrunken und waren trotzdem genauso hilflos wie jene, die zwanzig Jahre lang getrunken hatten. Um Alkoholiker zu sein, muß man nicht unbedingt lange und solche Mengen getrunken haben wie viele von uns. Das trifft vor allem auf Frauen zu. Oft steigen Frauen mit einer Veranlagung zum Alkoholismus gleich voll ein und sind in wenigen Jahren in einem Zustand, aus dem es kein Zurück mehr gibt. Manche Trinker wären beleidigt, würde man sie als Alkoholiker bezeichnen, und sind trotzdem erstaunt, wenn sie merken, daß sie mit dem Trinken nicht aufhören können. Wir erkennen unter den Jugendlichen eine große Zahl potentieller Alkoholiker, weil wir mit den Symptomen vertraut sind. Aber versuchen Sie einmal, sie zur Einsicht zu bringen. * *Diese Aussage fußt auf den beim Erstdruck des Buches vorliegenden Erkenntnissen. Nach einer 1977 in den Vereinigten Staaten und in Kanada durchgeführten Umfrage waren elf Prozent der AA-Mitglieder unter dreißig Jahre alt. Wenn wir zurückblicken wird uns klar, daß wir viele Jahre weiter getrunken hatten, als wir schon über den Punkt hinaus waren, an dem wir aus eigener Willenskraft hätten aufhören können. Wenn irgendeiner daran zweifelt, ob er über diesen gefährlichen Punkt schon hinaus ist, dann lassen Sie ihn versuchen, ein Jahr ohne Alkohol auszukommen. Sollte er Alkoholiker und seine Krankheit schon sehr fortgeschritten sein, gibt es kaum eine Erfolgschance. In den Anfängen unseres Trinkens blieben wir gelegentlich ein Jahr oder länger nüchtern und wurden danach wieder harte Trinker. Selbst wenn Sie in der Lage sind, für eine längere Zeit mit dem Trinken aufzuhören, können Sie ein potentieller Alkoholiker sein. Wir meinen, daß wenige, an die dieses Buch gerichtet ist, überhaupt ein Jahr lang trocken bleiben können. Einige werden noch am selben Tag betrunken sein, an dem sie sich vorgenommen hatten, nichts zu trinken; die meisten schaffen es vielleicht ein paar Wochen. Diejenigen, die nicht kontrolliert trinken können, stehen vor der Frage, wie man überhaupt aufhört. Wir nehmen selbstverständlich an, daß der betroffene Leser mit dem Trinken aufhören will. Ob jemand ohne tiefgreifenden, innerlichen Wandel aufhören kann, hängt davon ab, wie weit er seine Entscheidungsfähigkeit schon verloren hat. Vielleicht kann er noch wählen, ob er noch trinken will oder nicht. Viele von uns glauben, einen starken Charakter zu haben. Da war ein ungeheuer großes Verlangen, für immer mit dem Trinken aufzuhören. Es war uns jedoch nicht möglich. Wir kennen dieses rätselhafte Kennzeichen des Alkoholismus - diese absolute Unfähigkeit, allein davon loszukommen, wie groß die Notwendigkeit und der Wunsch aufzuhören auch sein mögen. Wie können wir unseren Lesern helfen, aus eigener Überzeugung die Entscheidung zu treffen, ob sie zu uns gehören oder nicht? Der Versuch, eine gewisse Zeit mit dem Trinken aufzuhören, kann dabei helfen. Aber wir glauben, daß wir den leidenden Alkoholikern und vielleicht auch der ganzen medizinischen Zunft eine noch größere Hilfe anbieten können. Deshalb werden wir einige der geistigen Zustände beschreiben, die dem Abgleiten ins Trinken vorausgehen, denn dort scheint offensichtlich die Wurzel des Problems zu liegen. Was geht in einem Alkoholiker vor, der immer wieder das hoffnungslose Experiment mit dem ersten Glas wiederholt? Freunde, die ihn zur Vernunft bringen wollen, sind verblüfft, wenn er geradewegs in eine Kneipe marschiert, obwohl ihn das letzte Besäufnis an den Rand der Scheidung oder des Bankrotts gebracht hatte. Warum macht er das? Was denkt er sich dabei? Unser erstes Beispiel ist ein Freund, den wir Jim nennen wollen. Dieser Mann hat eine liebenswerte Frau und eine Familie. Er hatte eine gutgehende Automobilvertretung geerbt. Er wurde im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet. Er ist ein guter Verkäufer. Jeder mag ihn. Er ist intelligent und - soweit wir es beurteilen können - normal, abgesehen von einer nervösen Veranlagung. Bis zu seinem 35. Lebensjahr trank er keinen Alkohol. Dann begann er zu trinken. Innerhalb weniger Jahre wurde er, wenn er betrunken war, so gewalttätig, daß er eingewiesen werden mußte. Als er die Anstalt verließ, kam er mit uns in Kontakt. Wir sagten ihm, was wir vom Alkoholismus wußten und welche Lösung wir gefunden hatten. Er machte einen Anfang. Seine Familie wurde wieder zusammengeführt, und er fing an, als Verkäufer in dem Geschäft zu arbeiten, das er durch seine Trinkerei verloren hatte. Eine Zeitlang ging alles gut. Aber er vernachlässigte sein seelisches Leben. Zu seiner eigenen Bestürzung war er einige Male hintereinander wieder betrunken. Jedes Mal arbeiteten wir mit ihm und untersuchten genau, was sich ereignet hatte. Er gab zu, daß er wirklich Alkoholiker war und sich in besorgniserregendem Zustand befand. Er war sich darüber im klaren, daß ihm ein neuer Gang in die Anstalt bevorstand, wenn er so weiter machte. Dazu kam, daß er seine Familie verlieren würde, die er aufrichtig liebte. Trotzdem betrank er sich wieder. Wir baten ihn, uns genau zu erzählen, was passiert war. Hier ist die Geschichte: "Am Dienstagmorgen kam ich zur Arbeit. Ich erinnere mich, daß es mich störte, für ein Unternehmen Verkäufer sein zu müssen, das mir einmal gehört hatte. Ich hatte eine kleine Auseinandersetzung mit dem Chef, es war aber nichts Ernstes. Daraufhin entschloß ich mich, einen Interessenten für ein Auto zu besuchen. Unterwegs wurde ich hungrig, also hielt ich an einer Gaststätte. Ich hatte nicht die Absicht zu trinken. Ich wollte nur ein Sandwich essen. Ich hoffte auch, hier vielleicht einen Kunden für ein Auto zu finden. Dieses Lokal war mir seit Jahren bekannt. Während der Monate, in denen ich nüchtern war, hatte ich dort oft gegessen. Ich setzte mich an einen Tisch, bestellte einen Sandwich und ein Glas Milch. Immer noch kein Gedanke an Trinken. Ich bestellte noch einen Sandwich und entschied mich für ein weiteres Glas Milch. Plötzlich kam mir der Gedanke, ein Whisky in meiner Milch könnte mir bei meinem vollen Magen nicht schaden. Ich bestellte einen Whisky und schüttete ihn in die Milch. Ich hatte das dumpfe Gefühl, nicht sehr klug zu handeln, beruhigte mich aber damit, daß ich ja den Whisky auf vollen Magen trank. Der Versuch lief so gut, daß ich noch einen Whisky bestellte und ihn wieder in die Milch schüttete. Das schien mir nichts auszumachen, und so versuchte ich noch einen." So fing für Jim wieder eine Reise in die Anstalt an. Hier drohte die Verwahrung und damit der Verlust der Familie und der Stellung. Ganz zu schweigen davon, wie schlecht es ihm geistig und körperlich immer nach dem Trinken ging. Er wußte viel über sich selbst als Alkoholiker. Dennoch wurden alle Gründe für das Nichttrinken einfach beiseite geschoben zugunsten der verrückten Idee, Whisky trinken zu können, wenn er ihn nur mit Milch mischte! Wie man das auch immer definieren will, wir nennen es reinen Wahnsinn. Wie kann ein solcher Mangel an Selbsteinschätzung, an Fähigkeit, logisch zu denken, anders genannt werden? Vielleicht meinen Sie, dies sei ein extremer Fall. Für uns ist das nicht weit hergeholt, denn diese Art zu denken ist für jeden einzelnen von uns charakteristisch gewesen. Wir haben manchmal mehr als Jim über die Konsequenzen nachgedacht. Immer war da dieses eigenartige, geistige Phänomen: Unser vernünftiges Denken war automatisch begleitet von einer irrsinnig lächerlichen Ent schuldigung für den ersten Schluck. Vernunft konnte uns nicht im Zaume halten. Der Irrsinn siegte. Am nächsten Tag fragten wir uns ehrlich und allen Ernstes, wie das hatte passieren können. Bei manchen Gelegenheiten haben wir uns absichtlich betrunken, was wir mit Nervosität, Ärger, Kummer, Depression, Eifersucht oder ähnlichen Gründen rechtfertigten. Aber selbst, wenn es so angefangen hatte, mußten wir nachher zugeben, daß unsere Rechtfertigung für den Rausch sinnlos und unzureichend war im Licht dessen, was nachher immer eintrat. Auch wenn wir vorsätzlich und nicht zufällig zu trinken anfingen - so sehen wir es heute -, fehlt bei uns jede ernsthafte und nützliche Einsicht in die schrecklichen Konsequenzen unseres Handelns. Wir verhalten uns beim ersten Schluck so absurd und unverständlich, wie jemand, der den Tick hat, achtlos über die Straße zu gehen. Für ihn ist es ein Nervenkitzel, kurz vor einem schnellfahrenden Fahrzeug beiseite zu springen. Trotz gutgemeinter Warnungen macht ihm das einige Jahre Freude. Bis zu diesem Zeitpunkt würde man ihn als Narren bezeichnen, der eine merkwürdige Auffassung von Spaß hat. Dann verläßt ihn das Glück, und er wird mehrmals hintereinander leicht verletzt. Wenn er normal wäre, würde man erwarten, daß er es bleiben läßt. Kurz darauf wird er wieder angefahren und erleidet diesmal einen Schädelbruch. Kaum aus dem Krankenhaus, wird er von einer Straßenbahn angefahren und bricht sich den Arm. Er verspricht, mit seinem irrsinnigen Verhalten auf der Straße für immer aufzuhören, bricht sich nach ein paar Wochen beide Beine. So geht dieser Unsinn jahrelang weiter, begleitet von seinem Versprechen, vorsichtig zu sein oder die Straße ganz zu meiden. Schließlich kann er nicht mehr arbeiten, seine Frau läßt sich von ihm scheiden, und er ist der Lächerlichkeit preisgegeben. Er versucht alles, um sein irrsinniges Zwangsverhalten auf der Straße aus dem Kopf zu bekommen. Er läßt sich in eine Anstalt einweisen in der Hoffnung, dort Besserung zu finden. Am Tag der Entlassung rennt er vor ein Feuerwehrauto und bricht sich das Kreuz. So ein Mann wäre verrückt, nicht wahr? Dieses Beispiel klingt vielleicht zu lächerlich. Aber ist es das wirklich? Wir, die wir durch die Mangel gedreht worden sind, müssen zugeben, daß dieses Bild genau auf uns zuträfe, würden wir das oben beschriebene, irrsinnige Verhalten im Straßenverkehr durch Alkoholismus ersetzen. So intelligent wir vielleicht in anderer Beziehung waren - wenn es um Alkohol ging, waren wir auf eine seltsame Weise verrückt. Das ist eine harte Sprache. Aber ist es nicht die Wahrheit? Manche werden denken: "Ja, was Ihr sagt ist wahr, aber es stimmt nicht ganz. Zugegeben, einige Symptome sind bei uns vorhanden, aber so extrem weit gegangen wie Ihr sind wir nicht. Wir werden auch kaum so weit gehen. Nachdem, was Ihr uns gesagt habt, kennen wir uns so gut, daß solche Dinge nicht wieder vorkommen können. Wir haben durch unser Trinken nicht alles in unserem Leben verloren. Wir haben es auch bestimmt nicht vor. Vielen Dank für die Information!" Auf einige Nichtalkoholiker mag das alles zutreffen. Die können ihr Trinken einschränken oder ganz aufhören, auch wenn sie im Augenblick leichtsinnig und stark trinken. Sie haben geistig und körperlich noch keinen solchen Schaden erlitten wie wir. Aber der Alkoholiker oder derjenige, der die Veranlagung dazu hat, wird nie in der Lage sein, aufgrund von Selbsterkenntnis mit dem Trinken aufzuhören. Von dieser Regel gibt es kaum eine Ausnahme. Das ist der Kernpunkt, den wir immer und immer wieder herausstreichen möchten, um den Alkoholikern unter unseren Lesern einzutrichtern, was wir durch bittere Erfahrung lernen mußten. Nehmen wir ein anderes Beispiel. Fred ist Teilhaber eines Wirtschaftsprüfers. Er hat ein gutes Einkommen, ein schönes Heim, ist glücklich verheiratet und Vater von vielversprechenden Kindern im Oberschulalter. Er hat eine solch gewinnende Persönlichkeit, daß er sich überall Freunde macht. Wenn es je einen erfolgreichen Geschäftsmann gab, so ist es Fred. Offensichtlich ist er eine beständige, ausgeglichene Persönlichkeit. Doch er ist Alkoholiker. Zum ersten Mal sahen wir Fred vor etwa einem Jahr im Krankenhaus, wo er sich vom "großen Zittern" erholte. Es war seine erste Erfahrung dieser Art, und er schämte sich sehr. Er war weit davon entfernt zuzugeben, daß er Alkoholiker war. Er redete sich ein, ins Krankenhaus gekommen zu sein, um seine Nerven zu beruhigen. Der Arzt gab ihm ernsthaft zu verstehen, daß es möglicherweise schlimmer um ihn stand, als er sich vorstellte. Einige Tage lang war er wegen seines Zustandes bedrückt. Er entschloß sich, ganz mit dem Trinken aufzuhören. Der Gedanke, das vielleicht nicht zu schaffen, kam ihm angesichts seines Charakters und seiner Stellung gar nicht in den Sinn. Fred wollte es nicht wahrhaben, Alkoholiker zu sein, noch weniger wollte er zugeben, daß zur Lösung seines Problems ein seelisches Heilmittel nötig war. Wir erzählten, was wir über Alkoholismus wußten. Er war interessiert und gab zu, einige dieser Symptome zu haben. Aber er war weit davon entfernt, sich einzugestehen, daß er sich nicht selbst helfen konnte. Er war davon überzeugt, daß diese erniedrigende Erfahrung und sein neuerworbenes Wissen ihn für den Rest seines Lebens nüchtern halten würden. Selbsterkenntnis würde alles in Ordnung bringen. Eine Zeitlang hörten wir nichts mehr von Fred. Eines Tages erzählte man uns, daß er wieder im Krankenhaus sei. Diesmal war er ganz schön wacklig. Er ließ uns wissen, daß er uns dringend sehen wollte. Die Geschichte, die er uns erzählte, war sehr aufschlußreich. Hier war jemand, der absolut davon überzeugt war, daß er mit dem Trinken aufhören müsse, jemand, der keine Entschuldigung für sein Trinken hatte, der glänzendes Urteilsvermögen und Entschlußkraft in allen sonstigen Dingen an den Tag legte und der trotzdem wieder flach lag. Lassen wir ihn selbst erzählen: "Ich war sehr beeindruckt von dem, was Ihr mir über Alkoholismus gesagt habt, und habe wirklich nicht daran geglaubt, daß ich jemals wieder trinken würde. Ich konnte schon Euren Gedanken über diesen spitzfindigen Irrsinn folgen, die dem ersten Schluck vorausgehen. Ich vertraute aber darauf, daß mir so etwas nicht passieren könnte nach allem, was ich gelernt hatte. Ich nahm für mich in Anspruch, noch nicht so weit zu sein, wie die meisten von Euch. Normalerweise konnte ich meine anderen Probleme bewältigen. Und deshalb wollte ic |