V O R W O R T
zur vierten Auflage der deutschen Übersetzung
des Buches "Anonyme Alkoholiker"

Das Buch "Anonyme Alkoholiker" enthält die geistigen Prinzipien
und die praktischen Anleitungen, mit denen die
Selbsthilfegemeinschaft alkoholkranker Männer und Frauen seit
nunmehr fast fünf Jahrzehnten erfolgreich arbeitet. Die AA
Gemeinschaft ist 1935 in den Vereinigten Staaten von zwei
hoffnungslosen Trinkern gegründet worden. Einer der beiden
Gründer, der New Yorker Börsenmakler Bill W., hat die Erfahrungen
der jungen Gemeinschaft und ihrer bis dahin etwa hundert
Mitglieder 1939 aufgeschrieben und unter dem Titel "Alcoholics
Anonymous" veröffentlicht. Das Buch stieß auf Aufmerksamkeit und
hat der Gemeinschaft den Namen gegeben, unter dem sie
mittlerweile in mehr als hundert Ländern verbreitet ist.

Die ersten Gruppen der Anonymen Alkoholiker sind in Deutschland
zu Anfang der fünfziger Jahre entstanden. Die Männer und Frauen,
die sich damals im Erfahrungsaustausch um Nüchternheit und
Lebenserneuerung bemühten, hatten dafür als Anleitung und Hilfe
zunächst nur, was Sprachkundige aus Besuchen amerikanischer AA
Meetings mitbrachten. Es gab noch keine Übersetzungen von AA
Literatur. Während kleinere Schriften bald übersetzt waren und
als kopierte Handzettel in Umlauf kamen, wurde das AA-Standardwerk
"Anonyme Alkoholiker" lange Zeit vermißt.

Die amerikanischen Anonymen Alkoholiker hüten mit Respekt und
Dankbarkeit dieses Buch in seiner ursprünglichen Form. "The Big
Book" - das große Buch, wie sie es nennen, ist in der
Gemeinschaft weit verbreitet. Die Gruppen sorgen dafür, daß neue
Mitglieder der Gemeinschaft recht bald mit dem Buch vertraut
werden.

Nach dem Farbeinband der bisher erschienenen deutschsprachigen
Ausgaben wird hierzulande vom "Blauen Buch" gesprochen. Rund zehn
Jahre hatten die ersten Gruppen in Deutschland auf das Buch
warten müssen. Dann übersetzte Pfarrer Heinz Kappes, ein der AA
Gemeinschaft verbundener Geistlicher, das Buch. Heinz Kappes, der
in einem Schlußkapitel dieses Buches zu Wort kommt, schickte
damals sein Manuskript an die AA-Zentrale nach New York, von wo
es in kleiner Auflage broschürt zurückkam. Es gab somit die erste
bescheidene Ausgabe des "Blauen Buches". In dieser Form wurde es
später im eigenen Land noch einmal nachgedruckt.

Anfang der siebziger Jahre überarbeitete ein Team von AA-Mitglie-
dern aus Deutschland, der Schweiz und aus Österreich die erste
Übersetzung. Es gab die dritte Auflage des Buches, von der insge-
samt 18 000 Exemplare gedruckt worden sind. Diese Auflage
enthielt erstmals auch, neben dem an den amerikanischen Text
angelehnten Kernteil des Buches, Lebensgeschichten Anonymer
Alkoholiker.

Ein Teil der Lebensgeschichten aus der dritten Auflage sind in
diese vierte Auflage übernommen worden. Einige andere Lebensge-
schichten sind neu hinzugekommen. Übersetzt aus dem
amerikanischen Originalbuch sind die Lebensgeschichten der AA
Gründer Bill. W. und Dr. Bob sowie die Aufzeichnungen des Mannes,
der sich als dritter dem noch jungen Bündnis angeschlossen hat.

Neu übersetzt ist der Kernteil des Buches, der bis Kapitel elf
reicht. Dabei wurde dem Wunsch des AA-Weltbüros in New York Rech-
nung getragen, bei der deutschen Übersetzung dem amerikanischen
Originaltext möglichst eng zu folgen, damit durch die sprachliche
Übertragung nichts von den AA-Grundgedanken verlorengeht oder
verändert wird.

Auf dieses Vorwort folgen Einleitungen und Vorreden zu den bisher
erschienenen amerikanischen Auflagen des Buches. Weil diese Vor-
worte gleichzeitig ein Stück Aufzeichnung von AA-Geschichte dar
stellen, wurden sie mit in dieses Buch aufgenommen. Das gilt auch
für die "Meinung des Arztes", ein auf die Vorworte folgendes
Kapitel, das Dr. Silkworth als einer der frühen Freunde der Ge-
meinschaft geschrieben hat.

In den Lebensgeschichten im mittleren Teil des Buches schildern
Frauen und Männer aller Altersgruppen und Gesellschaftsschichten
die Not ihrer Krankheit und den Weg, den sie mit Hilfe der Anony-
men Alkoholiker danach gegangen sind.

Die Kapitel im Anhang zu diesem Buch sind wiederum weitgehend aus
dem amerikanischen Original übernommen worden. Das gilt für die
AA-Traditionen ebenso wie für die Abschnitte über "Die seelische
Erfahrung" und über die Ansichten, die Geistliche und Ärzte von
den Anonymen Alkoholikern haben. Die im Anhang abgedruckten
Anmerkungen zum Lasker-Preis stammen aus dem Originalbuch und
sind ergänzt durch einen Hinweis auf den Hermann-Simon-Preis.
Ergänzt um Hinweise auf die Gegebenheiten im deutschsprachigen
Europa ist das Kapitel "Wie man mit den Anonymen Alkoholikern in
Verbindung kommt". Die Gedanken in den Kapiteln "Die seelische
Erfahrung" und "Aus der Sicht von Geistlichen" werden vertieft
durch den Beitrag von Pfarrer Heinz Kappes "Gott, wie ich ihn
verstehe".

Am Schluß dieser Vorrede ist allen zu danken, die an diesem Buch
mitgearbeitet haben: den Übersetzern, dem mit der Überarbeitung
beauftragten Literaturteam und den Schreibern der Lebensgeschich-
ten. In den Dank einzubeziehen sind die Pioniere der AA-Gemein-
schaft, auf die das Genesungsprogramm und die erstmalige Nieder-
schrift dieses Buches zurückgeht, und diejenigen, die sorgsam
über die Unverfälschtheit der AA-Botschaft wachen. - Das
Erscheinen dieses Buches ist begleitet von dem Wunsch und von der
Hoffnung, daß es in die Hände vieler kommt, die daraus Nutzen zu
ziehen imstande sind.

Mai 1983 Anonyme Alkoholiker
deutschsprachiger Länder
 
 

Einleitung zur jüngsten
Ausgabe des amerikanischen Buches "Alcoholics
Anonymous"

Dies ist die dritte Auflage des Buches "Anonyme Alkoholiker". Die
erste Ausgabe erschien im April 1939, und in den darauffolgenden
sechzehn Jahren kamen 300 000 Exemplare in Umlauf. Die zweite
Auflage, 1955 veröffentlicht, erreichte insgesamt 1 150 000 Exem-
plare.

Weil das Buch für unsere Gemeinschaft zum Grundtext geworden ist
und einer so großen Zahl von Alkoholikern, Männern und Frauen,
hilfreich bei ihrer Genesung war, gibt es in der Gemeinschaft
keine Neigung, an diesem Text etwas Grundlegendes zu ändern.
Deshalb wurde der erste Teil des Werkes, in dem das Genesungspro-
gramm beschrieben ist, unverändert in der Form der Überarbeitung
für die zweite und dritte Ausgabe übernommen. Das Kapitel "Die
Ansicht des Arztes" blieb so, wie es ursprünglich im Jahr 1939
von Dr. William Silkworth, dem großen medizinischen Gönner
unserer Gemeinschaft, geschrieben worden ist.

Der zweiten Auflage wurden die Anhänge über die Zwölf Traditionen
und die Anleitung, wie man in Kontakt mit der Gemeinschaft der
Anonymen Alkoholiker kommt, beigefügt. Die einschneidendste Änder-
ung geschah in dem Teil der persönlichen Lebensgeschichten, der
erweitert wurde, um das Wachstum der Gemeinschaft
widerzuspiegeln. Die Geschichte "Dr. Bobs Alptraum" und sechs
andere persönliche Geschichten der ersten Ausgabe wurden
beibehalten, dreißig neue Geschichten beigefügt und dieser Teil
in drei Gruppen geordnet. (Anmerkung zur deutschen Ausgabe: Die
Bemerkungen über die Lebensgeschichten beziehen sich auf das
amerikanische Originalbuch. Diese Ausgabe enthält
Lebensgeschichten deutschsprachiger Anonymer Alkoholiker.)
In der vorliegenden dritten Ausgabe des Buches blieb die Gruppe I
(Pioniere der Anonymen Alkoholiker) unverändert. Neun der Ge-
schichten in der zweiten Gruppe ("Sie hörten rechtzeitig auf")
wurden von der zweiten Ausgabe übernommen und mit acht neuen
Geschichten ergänzt. Die acht Geschichten der dritten Gruppe
("Sie verloren nahezu alles") wurden um fünf neue erweitert.
Alle Änderungen in dem "Großen Buch" (AA-Freunde in Amerika gaben
dem Buch den Kosenamen "The Big Book"), hatten den gleichen Sinn
und Zweck, die heutige Gestalt der Gemeinschaft zutreffend dazu
stellen und noch mehr leidende Alkoholiker zu erreichen. Wenn Sie
ein Trinkproblem haben, so hoffen wir, werden Sie beim Lesen
einer der Lebensgeschichten innehalten und sich sagen: "Ja, das
war bei mir auch so" oder noch besser: "Ja, ich fühlte ebenso"
und noch entscheidender: "Ja, ich glaube, dieses Programm kann
bei mir auch wirksam werden."
Mai 1983 Anonyme Alkoholiker
deutschsprachiger Länder
 
 
 

Vorwort zur ersten Auflage des
amerikanischen Buches

Dies ist das Vorwort, wie es beim Erstdruck der
Erstauflage im Jahr 1939 erschienen war.

Wir Mitglieder der Anonymen Alkoholiker sind mehr als hundert
Männer und Frauen, die von einem geistigen und körperlichen Zu
stand Genesung gefunden haben, der hoffnungslos zu sein schien.
Die wichtigste Absicht dieses Buches ist: Wir wollen anderen
Alkoholikern genau den Weg beschreiben, der zu unserer Genesung
geführt hat. Wir hoffen, daß diese Seiten so überzeugend sind,
daß keine weiteren Beweise nötig sind. Wir meinen auch, daß
jedermann durch diesen Bericht unserer Erfahrungen den
Alkoholiker besser verstehen lernt. Viele Menschen begreifen
nicht, daß der Alkoholiker ein sehr kranker Mensch ist. Darüber
hinaus sind wir überzeugt, daß unsere Lebensmethode auch für alle
anderen Menschen von Nutzen sein kann.

Es ist wichtig, daß wir anonym bleiben, denn wir sind zur Zeit
noch zu wenig, um mit der überwältigenden Zahl von Hilferufen
fertig zu werden, die wahrscheinlich durch diese Veröffentlichung
ausgelöst werden. Da wir meist im Geschäftsleben stehen oder
einen freien Beruf haben, könnten viele von uns ihre
Beschäftigung nicht ausüben, wenn wir als Alkoholiker bekannt
würden. Wir bitten um Verständnis dafür, daß unsere Arbeit mit
Alkoholikern eine Nebenbeschäftigung ist.

Wenn wir in der Öffentlichkeit schreiben oder reden, dann soll
jedes Mitglied unserer Gemeinschaft seinen Familiennamen weglas-
sen: es soll sich statt dessen einfach als "ein Mitglied der
Anonymen Alkoholiker" bezeichnen.
Wir richten auch an die Presse die sehr ernste Bitte, daß sie
diesen Wunsch achtet; andernfalls entstünden uns Nachteile.
Wir sind keine Organisation im üblichen Sinn dieses Wortes. Bei
uns gibt es keine Mitgliedsbeiträge oder sonstige finanzielle
Verpflichtungen. Die einzige Voraussetzung für die Mitgliedschaft
ist der ehrliche Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören. Wir sind mit
keinem besonderen Religionsbekenntnis, keiner Sekte oder Kirche
verbunden, wir stehen aber auch in keinem Gegensatz zu irgend
etwas oder zu irgend jemand. Wir wollen einfach denen zu Hilfe
kommen, die von dieser Krankheit betroffen sind.
Wir würden uns sehr freuen, von den Lesern zu hören, die durch
dieses Buch zu positiven Ergebnissen gekommen sind; von
besonderem Interesse sind für uns Mitteilungen von solchen, die
anfingen, mit anderen Alkoholikern zu arbeiten. In solchen Fällen
möchten wir uns nützlich erweisen. Für Anfragen von
wissenschaftlichen, medizinischen und religiösen Organisationen
sind wir dankbar.
Anonyme Alkoholiker
Vorwort zur zweiten Auflage des
amerikanischen Buches
Seitdem im Jahre 1939 das ursprüngliche Vorwort zu diesem Buch
geschrieben worden ist, hat sich wahrhaft ein Wunder ereignet. In
unserer frühesten Ausgabe sprachen wir die Hoffnung aus: "Jeder
Alkoholiker, der auf Reisen ist, möge an seinem Reiseziel die
Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker vorfinden. Schon jetzt", so
fährt jener alte Text fort, "sind in anderen Gemeinden Gruppen
mit zwei, drei oder fünf unserer Mitglieder entstanden."
Seitdem wir dieses Buch zum ersten Mal in Druck gaben, sind bis
zum Erscheinen der zweiten Auflage im Jahr 1955 sechzehn Jahre
vergangen. In dieser kurzen Zeit ist die Gemeinschaft der
Anonymen Alkoholiker auf fast 6000 Gruppen emporgeschossen; die
Mitgliederzahl umfaßt weit über 150 000 genesene Alkoholiker.* In
jedem der Staaten der USA und in allen Provinzen Kanadas gibt es
solche Gruppen. Die AA-Gemeinschaft hat blühende Zweige auf den
Britischen Inseln, in den skandinavischen Ländern, in Südafrika,
Südamerika, Mexiko, Alaska, Australien und Hawaii. Wenn man alles
zusammenzählt, sind in etwa 50 fremden Ländern und Besitztümern
der Vereinigten Staaten vielversprechende Anfänge gemacht worden.
Solche Anfänge nehmen gerade jetzt in Asien Form an. Viele
unserer Freunde stärken unseren Mut und sagen: dies alles ist ja
nur erst der Anfang; in ihm stecken die Vorzeichen einer
bevorstehenden viel größeren Zukunft.
* Zahlenangaben in diesem Vorwort beziehen sich auf den Stand,
den die AA-Gemeinschaft 1955 erreicht hatte.
Der Funke, der die erste AA-Gruppe entflammen sollte, wurde im
Juni 1935 in Akron, Ohio, bei einem Gespräch entzündet, das zwi-
schen einem New Yorker Börsenmakler und einem Arzt aus Akron
geführt wurde. Sechs Monate zuvor war der Finanzmann durch eine
plötzliche seelische Erfahrung von seiner Trunksucht befreit
worden. Dies war auf ein Zusammentreffen mit einem befreundeten
Alkoholiker erfolgt, der mit den Oxford-Gruppen jener Tage in
Berührung gekommen war. Eine andere große Hilfe war dem Makler
durch einen New Yorker Spezialarzt in der Behandlung von
Alkoholikern zuteil geworden, durch den inzwischen verstorbenen
Dr. William D. Silkworth, der heute von den AA-Mitgliedern
beinahe wie ein medizinischer Heiliger verehrt wird. Dr.
Silkworths Bericht über jene Anfangstage unserer Gemeinschaft
erscheint auf den folgenden Seiten. Von diesem Arzt hatte der
Makler erfahren, daß Alkoholismus eine lebensgefährliche
Krankheit ist. Obwohl der Makler nicht alle Grundsätze der Oxford-
Gruppen annehmen konnte, war er doch davon überzeugt, daß eine
moralische Inventur notwendig sei, ferner die freimütige
Aussprache über die Charakterfehler, die Wiedergutmachung an die
Geschädigten, die Hilfsbereitschaft anderen gegenüber sowie der
Glaube an Gott und das unbedingte Vertrauen auf Ihn.

Vor seiner Reise nach Akron hatte sich der Makler mit vielen
Alkoholikern große Mühe gegeben, weil er der Auffassung war, daß
nur ein Alkoholiker einem anderen Alkoholiker helfen könne. Der
Erfolg dieser Arbeit bestand aber nur darin, daß er selbst nüch-
tern geblieben war. Der Finanzmann war auf einer Geschäftsreise
nach Akron gekommen. Das Geschäft war fehlgeschlagen. Und nun war
bei ihm die große Furcht entstanden, daß er wieder zu trinken
anfangen würde. Plötzlich wurde ihm klar, daß er, um sich selber
zu retten, die Mitteilung über seine Heilung zu einem anderen
Alkoholiker bringen müsse. Jener andere Alkoholiker war eben der
Arzt in Akron.

Dieser Arzt hatte schon wiederholt seelisch-geistige Methoden
erprobt, um mit seinem Alkoholdilemma fertig zu werden. Er war
jedoch dabei immer wieder gescheitert. Als der Makler ihm aber
die Ansichten des Dr. Silkworth über den Alkoholismus und dessen
Hoffnungslosigkeit mitteilte, begann der Chirurg, sich mit einer
Willenskonzentration um die seelischen Heilmittel seiner
Krankheit zu bemühen, wie er sie vorher nie hatte aufbringen
können. Er wurde nüchtern und trank bis zum Augenblick seines
Todes im Jahre 1950 keinen Alkohol mehr. Dies schien zu beweisen,
daß ein Alkoholiker auf einen anderen eine Einwirkung ausüben
konnte, wie es Nichtalkoholiker niemals fertigbrachten. Aber es
zeigte auch, daß ein intensives Bemühen des einen Alkoholikers um
den anderen für die dauernde Genesung lebensnotwendig war.

Von diesem Augenblick an arbeiteten die beiden Männer fast wie
besessen mit Alkoholikern, die in die entsprechende Abteilung des
Städtischen Krankenhauses in Akron kamen. Ihr allererster, ein
wirklich verzweifelter Fall, genas sofort und wurde das AA-Mit-
glied Nummer drei. Er hat nie mehr einen Schluck Alkohol getrun-
ken. Diese Arbeit in Akron dauerte den ganzen Sommer 1935 hin
durch. Es gab auch viele Fehlschläge. Aber gelegentlich kam es
doch zu einem ermutigenden Erfolg. Als der Makler im Herbst 1935
wieder nach New York zurückkehrte, war tatsächlich die erste AA
Gruppe entstanden, obwohl das um jene Zeit noch niemand so recht
wahrnahm.

Gegen Ende 1937 war die Zahl der Mitglieder, die schon eine be-
trächtliche Zeit ihrer Nüchternheit erfolgreich bestanden
hatten, so groß, daß die Gemeinschaft davon überzeugt war: jetzt
ist ein neues Licht in der finsteren Welt des Alkoholikers
aufgegangen.
 
 

Eine zweite Gruppe hatte sich in New York gebildet. Außerdem gab
es verstreut wohnende einzelne Alkoholiker, welche die
grundlegenden Ideen in Akron oder in New York erfaßt hatten und
nun versuchten, in anderen Städten Gruppen zu bilden.

Nun war nach der Meinung der um ihre Existenz ringenden Gruppen
die Zeit gekommen, daß sie ihre Kunde und einzigartige Erfahrung
der Welt zur Kenntnis brachten. Im Frühjahr des Jahres 1939 trug
dieser Entschluß seine Frucht in der Veröffentlichung dieses
Buches. Damals war die Mitgliederzahl auf etwa 100 Männer und
Frauen gestiegen. Diese flügge gewordene Gemeinschaft, die bis
dahin ohne Namen gewesen war, wurde von jetzt ab nach dem Titel
ihres eigenen Buches "Anonyme Alkoholiker" genannt. Die Zeit des
Blindfliegens war zu Ende: Die Anonymen Alkoholiker traten in
eine neue Phase ihrer Pionierzeit ein.

Mit dem Erscheinen des neuen Buches nahmen viele Ereignisse
ihren Anfang. Der bekannte Geistliche Dr. Harry Emerson Fosdick
besprach das Buch mit warmer Zustimmung. Im Herbst 1939 druckte
der damalige Herausgeber der Zeitschrift "Liberty", Fulton
Oursler, in seiner Zeitschrift einen Teil daraus ab unter der
Überschrift "Alkoholiker und Gott". Das brachte eine Flut von 800
dringenden Anfragen in das kleine Büro in New York, das
inzwischen eingerichtet worden war. Jede Anfrage wurde mit
gewissenhafter Gründlichkeit beantwortet, Broschüren und Bücher
wurden versandt. Mitglieder bestehender Gruppen, die als
Geschäftsleute viel unterwegs waren, wurden auf diese zukünftigen
Neulinge aufmerksam gemacht. Neue Gruppen entstanden. Und man
entdeckte zum Erstaunen von jedermann, daß man die Kunde von AA
ebenso durch die Post wie durch das gesprochene Wort übermitteln
konnte. Ende 1939 schätzte man, daß 800 Alkoholiker auf ihrem Weg
zur Genesung waren.

Im Frühjahr des Jahres 1940 gab John D. Rockefeller für viele
seiner Freunde einen Empfang, zu welchem er AA-Mitglieder einlud,
damit sie dort ihre Lebensgeschichte erzählten. Die Nachricht
hiervon ging durch die Kabel der Welt. Wieder gingen
Erkundigungen ein, und viele Menschen gingen zu den Buchläden, um
das Buch "Anonyme Alkoholiker" zu kaufen. Im März 1941 war die
Mitgliederzahl auf 2000 angewachsen. Dann schrieb Jack Alexander
einen Artikel in der "Saturday Evening Post" und stellte vor das
allgemeine Publikum ein so überzeugendes Bild von der AA
Gemeinschaft hin, daß uns die Hilferufe von Alkoholikern geradezu
überschwemmten. Gegen Ende 1941 zählte man 8000 Mitglieder. Nun
schossen überall die AA-Gruppen wie Pilze aus dem Boden. AA war
zu einer festen Einrichtung in der amerikanischen Nation
geworden.

Damit trat unsere Gemeinschaft in ihre gefährliche und aufregende
Periode der Entwicklungsjahre ein. Sie mußte die folgende Probe
bestehen: Konnten diese großen Massen von Alkoholikern, die eben
noch ein völlig ungeordnetes Leben geführt hatten, erfolgreiche
Gemeinschaften miteinander bilden und zusammenarbeiten? Würde es
Streitigkeiten über die Mitgliedschaft, die Leitung und das Geld
geben? Würde es zu Kämpfen um Macht und Vorherrschaft kommen?
Würden Spaltungen eintreten, welche die AA-Gemeinschaft wieder
auseinanderrissen? Bald traten gerade diese Probleme überall und
in jeder Gruppe auf. Jedoch erwuchs aus dieser Erfahrung mit
ihren Sorgen und Zerreißproben die Überzeugung: Entweder müssen
die Anonymen Alkoholiker eng zusammenhalten, oder sie werden
einzeln zugrunde gehen. Entweder mußten wir unsere Gemeinschaft
zu einer Einheit zusammenschließen oder die Bühne der Geschichte
verlassen.
 

So wie wir die Grundsätze entdeckt hatten, nach denen der
einzelne Alkoholiker sein Leben gestalten konnte, so mußten wir
auch jene Regeln entwickeln, nach welchen die AA-Gruppen und die
AA-Gemeinschaft als Ganzes am Leben bleiben und wirkungsfähig
funktionieren konnten. Man kam zu der Überzeugung, daß man keinen
Alkoholiker, keinen Mann und keine Frau, aus unserer Gemeinschaft
ausschließen durfte. Unsere Leiter müßten dienen, sie dürften
aber nie regieren. Jede Gruppe mußte völlig selbständig sein. Es
dürfte bei uns keine hauptberuflich tätigen Therapeuten geben.
Außerdem dürfte es keine Mitglieds- und andere Pflichtbeiträge
geben. Unsere Aufgaben müßten durch unsere eigenen freiwilligen
Beiträge gedeckt werden. Überhaupt sollte man selbst in unseren
Zentralbüros mit einer möglichst geringen Organisation auskommen.
Unsere Beziehungen zur Öffentlichkeit sollten eher auf Anziehung
als auf Werbung gegründet sein. Es wurde die Entscheidung
getroffen, daß alle Mitglieder auf der Ebene von Presse, Radio,
Fernsehen und Film anonym bleiben müßten. Und wir dürften unter
keinen Umständen Stellungnahmen abgeben, unseren Namen für andere
Bestrebungen hergeben, Bündnisse mit ihnen eingehen oder uns in
öffentliche Auseinandersetzungen verwickeln lassen.

Das war der wesentliche Inhalt der "Zwölf Traditionen" der Anony-
men Alkoholiker, die im Anhang dieses Buches ausführlich
behandelt werden. Obwohl keiner dieser Grundsätze die Kraft von
Vorschriften oder Gesetzen besaß, waren sie doch um 1950 so
weithin angenommen, daß sie von unserer Ersten Internationalen
Konferenz in Cleveland bestätigt wurden. Heute ist diese
bemerkenswerte Einigkeit in der AA-Gemeinschaft einer der
allerwichtigsten Aktivposten, den wir haben.

Im selben Maß wie die inneren Schwierigkeiten unserer Reifejahre
allmählich ausgebügelt wurden, nahm die Öffentlichkeit die Anony-
men Alkoholiker mit einer stürmisch wachsenden Freundlichkeit an.
Dafür gab es zwei Hauptgründe: die große Zahl der Genesungen und
die wiedervereinigten Familien. Diese machten überall einen star-
ken Eindruck. Von den Alkoholikern, die zu den AA kamen und einen
ernsthaften Versuch damit machten, wurden 50 Prozent nüchtern und
blieben es auch; 25 Prozent wurden erst nach verschiedenen Rück
fällen nüchtern; und von den restlichen 25 Prozent erfuhren die,
die weiter bei den AA blieben, eine Besserung ihrer Krankheit.
Weitere Tausende nahmen an ein paar AA-Meetings teil und lehnten
das Programm zunächst ab. Aber auch von diesen kamen zahlreiche,
ungefähr zwei von dreien, im Laufe der Zeit wieder zurück.

Ein weiterer Grund dafür, daß die AA-Gemeinschaft so weithin
angenommen wurde, war die Hilfe unserer Freunde - der Freunde aus
dem Bereich der Medizin, der Religion, der Presse, zusammen mit
zahllosen anderen, die unsere sachkundigen ständigen Fürsprecher
wurden. Ohne eine solche Unterstützung hätte die Gemeinschaft
sich viel langsamer entwickelt. Im Anhang dieses Buches findet
man manche Empfehlungen von jenen frühen medizinischen und
theologischen Freunden der Anonymen Alkoholiker.

Die AA-Gemeinschaft ist keine religiöse Organisation. Auch nehmen
wir keinen speziellen medizinischen Standpunkt ein. Trotzdem
arbeiten wir mit den Männern der Medizin und Religion eng zusam-
men.

Da der Alkoholismus jeden ohne Ansehen seiner Person befallen
kann, stellen unsere Mitglieder einen genauen Querschnitt durch
die Bevölkerung von Amerika dar; und derselbe Prozeß geht nun
auch in fernen Ländern vor sich. Nach der Religionszugehörigkeit
haben wir unter uns: Katholiken, Protestanten, Juden, Hindus und
-in geringer Zahl- auch Moslems und Buddhisten. Mehr als 15
Prozent unserer Mitglieder sind Frauen.

Unsere Mitgliederzahlen wachsen gegenwärtig in jedem Jahr um etwa
sieben Prozent. Angesichts der Not von vielen Millionen
tatsächlicher und möglicher Alkoholiker in der Welt ist unser
Wirken von relativ geringem Einfluß. Aller Wahrscheinlichkeit
nach werden wir auch nie in der Lage sein, uns mit mehr als nur
einem Bruchteil des gesamten Alkoholproblems in allen seinen
Verzweigungen zu befassen. Ganz gewiß beanspruchen wir kein
Monopol auf die eigentliche Therapie des Alkoholikers. Doch
erfüllt uns die große Hoffnung, daß alle diejenigen, die bisher
noch keine Lösung ihres Alkoholproblems gefunden haben, auf den
Seiten dieses Buches vielleicht eine Antwort finden und daß sie
sich uns auf dem Höhenweg zu einer neuen Freiheit anschließen
mögen.
Vorwort zur dritten Auflage des
amerikanischen Buches
Als diese Ausgabe im März 1976 in die Druckerei ging, zählte die
Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker vorsichtig geschätzt welt-
weit über eine Million Mitglieder, mit über 28 000
Meetingsgruppen, 1980 mehr als 33 000, in über 90 Ländern.
Umfragen unter AA-Gruppen in den Vereinigten Staaten und in
Kanada haben ergeben, daß es in der Gemeinschaft der Anonymen
Alkoholiker nicht nur mehr Mitglieder gibt, sondern daß sich die
AA immer mehr verbreitet. Frauen stellen jetzt mehr als ein
Viertel der Mitglieder. Unter den neuen Mitgliedern liegt der
Anteil der Frauen bei einem Drittel. Sieben Prozent -das ergab
die Umfrage- sind unter dreißig Jahre alt, viele davon unter
zwanzig. 1980 stellten die Frauen ein Drittel der Mitglieder; elf
Prozent waren unter dreißig Jahre alt.
Die Grundsätze des AA-Programms, so scheint es, gelten für Men-
schen mit den unterschiedlichsten Lebensarten, hat doch das Pro-
gramm Genesung für Angehörige der verschiedensten Nationalitäten
gebracht. Die Zwölf Schritte, sie sind die Zusammenfassung des
Programms, können in einem Land "Doce Pasos", im anderen "Douze
Etapes" heißen, sie folgen jedoch dem gleichen Pfad zur Genesung,
der von den ersten Mitgliedern der Anonymen Alkoholiker markiert
worden ist.
Ungeachtet des großen Wachstums und der Spannweite der Gemein-
schaft, ist das Programm in seinem Kern einfach und persönlich.
Alle Tage, überall in der Welt, beginnt die Genesung des einen
Alkoholikers durch das Gespräch mit einem anderen Alkoholiker,
indem die Erfahrung, die Kraft und die Hoffnung geteilt wird.
Die Meinung des Arztes
Wir Anonymen Alkoholiker glauben, daß der Leser interessiert sein
wird zu erfahren, wie die Medizin den Genesungsplan einschätzt,
der in diesem Buch dargestellt wird. Ganz gewiß muß eine überzeu-
gende Beurteilung von seiten jener Ärzte kommen, die ihre Erfah-
rung mit den Leiden unserer Mitglieder gemacht und deren Rückkehr
zu einem gesunden Leben beobachtet haben. Ein wohlbekannter Arzt,
Direktor an einem in Amerika weithin bekannten Krankenhaus, das
sich auf Alkohol- und Rauschgiftsüchtige spezialisiert, richtete
an Anonyme Alkoholiker den folgenden Brief:
 

An jeden, den es betrifft:
"Seit vielen Jahren habe ich mich auf die Behandlung des Alkoho-
lismus spezialisiert.
Gegen Ende 1934 behandelte ich einen Patienten, der zwar einst
ein erfolgreicher Geschäftsmann mit hoher Erwerbskraft gewesen,
aber nun zum Alkoholiker von dem Typ geworden war, den ich als
hoffnungslos zu betrachten pflegte.
Im Verlauf seiner dritten Behandlung machte er sich gewisse Vor-
stellungen davon, durch welche Mittel man möglicherweise zur
Genesung gelangen könnte. Es war ein Teil seiner eigenen Wieder-
herstellung, daß er damit begann, seine Auffassung anderen
Alkoholikern mitzuteilen, und ihnen einprägte, sie müßten dies
genauso wieder mit anderen machen. Daraus ist das Fundament einer
rapide wachsenden Gemeinschaft zwischen diesen Männern und ihren
Familien geworden. Es sieht so aus, als ob dieser Mann und mehr
als hundert andere wirklich genesen sind.
Ich persönlich weiß um eine große Zahl von Fällen dieser Art, bei
der andere Methoden völlig versagt hatten.
Diese Tatsachen scheinen mir für die Medizin äußerst wichtig zu
sein. Wegen der außerordentlichen Möglichkeiten zu einem raschen
Wachsen, die in dieser Gruppe liegen, könnte sie eine neue Epoche
in den Annalen des Alkoholismus bedeuten. Es könnte sehr wohl
sein, daß diese Leute einen Weg zur Genesung für Tausende besit-
zen, die sich in der gleichen Situation befinden.
Man kann sich absolut auf all das verlassen, was sie über sich
selbst aussagen."
Ihr ergebener
gez. William D. Silkworth, M.D.

Der Arzt, der uns auf unsere Bitten diesen Brief gab, hatte die
Freundlichkeit, seine Absichten in einem anderen Dokument weiter
auszuführen, das hier folgt. Er bestätigte in dieser Darstellung,
daß wir, die unter den Qualen des Alkoholismus gelitten haben,
davon überzeugt sein müssen, daß die körperliche Verfassung des
Alkoholikers genauso anomal ist wie seine geistige. Wir waren
damit nicht zufrieden, daß man uns sagte, wir könnten deshalb
unser Trinken nicht beherrschen, weil wir uns nicht richtig an
unsere Lebensverhältnisse anpassen könnten, daß wir immer auf der
Flucht vor der Wirklichkeit des Lebens seien oder daß wir an
ausgesprochenen seelischen Defekten litten. Diese Dinge waren bis
zu einem gewissen Grad -tatsächlich sogar bis zu einem
beträchtlichen Grad- bei manchen von uns wahr. Wir waren aber
auch davon überzeugt, daß unser Körper von der Krankheit
gleichfalls betroffen war. Nach unserer Überzeugung ist jede
Darstellung des Alkoholikers, die diesen körperlichen Aspekt
außer acht läßt, unvollständig.

Die Theorie des Arztes, daß wir an einer Allergie gegenüber dem
Alkohol leiden, interessiert uns. Da wir Laien sind, mag unsere
Auffassung von der Richtigkeit dieser Theorie natürlich wenig
Bedeutung haben. Als ehemalige Problemtrinker können wir aber
sagen, daß diese Erklärung uns sinnvoll erscheint. Sie gibt uns
für viele Dinge eine Deutung, für die wir anders keine Begründung
finden könnten.

Obwohl unsere Lösung auf der Ebene des Seelischen und der
Uneigennützigkeit liegt, sind wir doch dafür, daß der
Alkoholiker, der noch zittrig und verwirrt ist, in ein
Krankenhaus aufgenommen wird. In den allermeisten Fällen ist es
notwendig, daß das Gehirn eines Menschen erst wieder klar gemacht
wird, bevor man sich ihm nähern kann. Die Aussichten, daß er
versteht und annimmt, was wir ihm anbieten, sind dann viel
größer.

Der Arzt schreibt:
"Das Thema, das in diesem Buch dargestellt wird, scheint mir für
die, welche unter der Alkoholsucht leiden, von allerhöchster
Bedeutung zu sein.
Ich sage das nach einer vieljährigen Erfahrung als der medizi-
nische Direktor eines der ältesten Krankenhäuser des Landes, das
Alkohol- und Rauschgiftsüchtige behandelt.
Ich empfand darum eine wirkliche Genugtuung, als ich gebeten
wurde, einige Worte über einen Gegenstand beizufügen, der in so
meisterhafter und eingehender Weise auf diesen Seiten behandelt
wird. Wir Ärzte haben schon seit langer Zeit erkannt, daß eine
Art moralischer Psychologie für die Alkoholiker von drängender
Wichtigkeit war. Diese Anwendung brachte aber Schwierigkeiten mit
sich, die zu überwinden weit über unser Vermögen ging. Mit
unseren ultra-modernen Ausrüstungen und unserer
wissenschaftlichen Einstellung allem gegenüber sind wir
vielleicht nicht gut genug ausgerüstet, die Mächte des Guten
anzuwenden, die außerhalb erlernter Erkenntnisse liegen.
Vor vielen Jahren kam einer der maßgeblichen Mitverfasser dieses
Buches in dieses Krankenhaus und in unsere Behandlung. Während der
Zeit, da er hier war, gewann er einige Auffassungen, die er dann
sofort praktisch zur Anwendung brachte.
Später bat er dann um die Erlaubnis, daß er hier anderen Patienten
seine Geschichte erzählen durfte. Trotz einiger Bedenken haben wir
unsere Zustimmung dazu gegeben. Die Fälle, die wir dann weiter
verfolgt haben, waren außerordentlich interessant. Manche von ihnen
waren tatsächlich erstaunlich. Für jemand, der so lang und mühsam
auf dem Gebiet des Alkoholismus gearbeitet hat, sind dies wahrhaft
begeisternde Dinge: die Selbstlosigkeit dieser Männern, die wir
dabei beobachten konnten, das völlige Fehlen eines eigennützigen
Beweggrundes und ihr Gemeinschaftsgeist. Sie glauben an ihre
Sache, mehr aber noch an jene Macht, die einen chronischen
Alkoholiker von den Pforten des Todes zurück reißen kann.
Natürlich muß man einen Alkoholiker zuerst von seiner körperlichen
Sucht nach dem berauschenden Getränk befreien. Das erfordert oft
eine systematische Krankenhausbehandlung, ehe er von
psychologischen Maßnahmen den größtmöglichen Nutzen haben kann. Wir
glauben -und wir haben dies auch vor einigen Jahren als Vermutung
vorgetragen- daß die Wirkung des Alkohols bei diesen chronischen
Alkoholikern eine Allergie auslöst; denn das Phänomen der Sucht ist
auf diese Gruppe begrenzt und kommt beim durchschnittlichen
maßvollen Trinker nie vor. Diese allergischen Typen können niemals
mehr Alkohol in irgendeiner Form ohne Gefahr zu sich nehmen. Wenn
sich die Gewohnheit bei ihnen erst einmal herausgebildet hat und
wenn offenbar geworden ist, daß sie nicht aufhören können, wenn sie
ihr Vertrauen zu sich und den Mitmenschen verloren haben, dann
häufen sich die Probleme und werden in erschreckendem Maße immer
unlösbarer.
Wortreiche, aber inhaltsarme Appelle richten da selten etwas aus.
Wenn man etwas sagen will, was das Interesse dieser Alkoholiker
wecken und wachhalten soll, dann muß es Tiefe und Gewicht haben.
Wenn die Alkoholiker ihr Leben völlig umkrempeln sollen, dann
müssen ihre Ideale in den allermeisten Fällen in einer Macht
wurzeln, die größer ist als sie selbst.
Sollte jemand das Gefühl haben, daß wir Psychiater, die ein Kran-
kenhaus für Alkoholiker zu leiten haben, mit einer solchen Äußerung
sentimental erscheinen, dann möge er einmal eine Zeitlang mit uns
vorn an der Front stehen, sich die Tragödien, die verzweifelten
Frauen und die kleinen Kinder anschauen. Die Überwindung dieser
Nöte sollte für ihn zum Teil seiner täglichen Arbeit werden und ihm
auch in der Nacht noch seinen Schlaf rauben. Dann wird sich auch
der zynischste Kritiker nicht mehr darüber wundern, daß wir diese
Gemeinschaft angenommen und ermutigt haben. Langjährige Erfahrung
bestärkt uns in der Ansicht, daß nichts zur Rehabilitation dieser
Männer in höherem Maße beigetragen hat als die selbstlose Bewegung,
die jetzt unter ihnen selbst im Wachsen begriffen ist.
Die Wirkung, die der Alkohol hervorruft, ist für Männer und Frauen
der wesentliche Grund zum Trinken. Obwohl sie zugeben, daß sie sich
schaden, ist die vom Alkohol beeinflußte Wahrnehmung so vage, daß
nach einer gewissen Zeit Wahres von Falschem nicht mehr
unterschieden werden kann. Für diese Männer und Frauen erscheint
dann ihr alkoholisches Leben allein als das normale.

Sie sind ruhelos, reizbar, unzufrieden, bis sie erneut das Gefühl
von Erleichterung und Behaglichkeit bekommen, das sofort nach
einigen Gläsern Alkohol über sie kommt - Alkohol, den sie andere
Menschen völlig ungestraft zu sich nehmen sehen. Nachdem sie aber
wieder, wie so viele Alkoholiker, diesem Begehren erlegen sind und
in dem Maße, wie sich in ihnen die Erscheinungsform der Sucht
entwickelt- gehen sie durch die bekannten Stadien einer Sauftour
hindurch, aus der sie dann voller Reue wieder auftauchen mit dem
festen Entschluß, nie wieder zu trinken. Das wiederholt sich nun
immer und immer wieder. Und wenn ein solcher Mensch dann nicht
die Erfahrung einer völligen psychischen Umwandlung machen kann,
besteht sehr wenig Hoffnung darauf, daß er zur Genesung kommt.
Andererseits findet sich -so seltsam dieser Vorgang denen er
scheint, die ihn nicht verstehen- genau dieselbe Person, die
völlig verloren zu sein schien, die so viele Probleme hatte, daß
sie daran verzweifelte, sie überhaupt je lösen zu können, sobald
einmal diese psychische Umwandlung stattfand, plötzlich ganz leicht
dazu imstande, ihr Verlangen nach Alkohol zu beherrschen. Die
einzige dazu nötige Anstrengung besteht darin, daß man von ihr das
Befolgen einiger einfacher Regeln verlangt.
Männer haben mich mit ebenso ehrlichem wie verzweifeltem Flehen
bedrängt: "Doktor, ich kann so nicht mehr weitermachen. Ich besitze
alles, was das Leben wertvoll macht. Ich muß mit dem Trinken
aufhören, aber ich bringe es nicht fertig. Sie müssen mir helfen."
Wenn ein Arzt diesem Problem gegenübersteht und wenn er sich selbst
gegenüber ehrlich ist, wie sehr muß er da so oft seine eigene
Unzulänglichkeit fühlen. Und wenn er auch alles hergibt, was er in
sich hat, so ist es doch oft nicht genug. Da merkt man, daß man
etwas mehr als nur die menschliche Kraft braucht, um die
entscheidende psychische Umwandlung zustandezubringen. Obwohl die
Gesamtsumme der Genesungen, die durch psychatrisches Bemühen
bewirkt wird, beträchtlich ist, müssen wir Ärzte doch zugeben, daß
wir auf die Lösung des Gesamtproblems eine noch recht geringe
Einwirkung zustandebringen. Viele Typen von Alkoholikern sprechen
auf die gewöhnliche psychologische Methode nicht an.
Ich stehe nicht auf der Seite derer, die glauben, daß der Alkoho-
lismus ganz und gar ein Problem der verstandesmäßigen Kontrolle
ist. Ich habe viele Patienten gehabt, die zum Beispiel eine ganze
Reihe von Monaten an der Lösung eines bestimmten Problems oder an
einem geschäftlichen Unternehmen gearbeitet hatten, die bis zu
einem gewissen ihnen günstigen Datum in Ordnung gebracht werden
mußten. Sie tranken etwa einen Tag vor diesem Datum ein Glas, und
das Phänomen ihrer Sucht trat wieder so sehr in den Vordergrund und
verdrängte alle anderen Interessen, daß sie die wichtige
Verabredung nicht einhalten konnten. Diese Leute tranken wirklich
nicht, um zu fliehen; sie tranken, um ein Begehren zu überwinden,
das sie mit ihrer verstandesmäßigen Kontrolle nicht beherrschen
konnten.
 

Das Suchtverlangen bringt Menschen in Situationen, in denen sie
bereit sind, eher alles zu opfern, als weiter gegen die Sucht zu
kämpfen.
Die Einteilung der Alkoholiker in bestimmte Klassen scheint höchst
schwierig zu sein und liegt im einzelnen auch außerhalb der Absicht
dieses Buches. Unter Alkoholikern gibt es natürlich die
Psychopathen, die in ihrem Gefühlsleben labil sind. Dieser Typ ist
uns allen bekannt. Sie schwören ständig dem Alkohol
auf ewig ab und quälen sich mit Schuldgefühlen. Sie fassen viele
Entschließungen, sie treffen aber nie eine Entscheidung.
Dann gibt es den Typ des Menschen, der einfach nicht zugeben will,
daß er kein Glas vertragen kann. Er plant immer neue Trinkmethoden.
Er verändert seine Alkoholsorte oder seine Umgebung. Dann gibt es
den Typ, der immer noch meint, er könne ohne Gefahr wieder trinken,
nachdem er eine gewisse Zeit völlig frei vom Alkohol gewesen war.
Und es gibt den manisch depressiven Typ, der von seinen Freunden
vielleicht am wenigsten verstanden wird und über den ein ganzes
Kapitel geschrieben werden könnte. Und dann gibt es wieder jene
Typen, die eigentlich in jeder Beziehung normal sind, wenn man von
der Wirkung absieht, die der Alkohol auf sie ausübt. Oft sind sie
fähige, intelligente und liebenswürdige Menschen.
Sie alle -und noch viele andere- haben ein einziges Symptom mit
einander gemeinsam: Sie können nicht anfangen zu trinken, ohne daß
sie die Erscheinungsform der Sucht entwickeln. Wir haben die
Vermutung ausgesprochen, daß diese Erscheinung der Sucht auf eine
Allergie hinweist, welche diese Leute von den anderen Menschen
unterscheidet und sie zu einer besonderen Gruppe macht. Noch nie
ist diese Veranlagung durch irgendeine Behandlungsart, die mir
bekannt geworden ist, auf die Dauer beseitigt worden. Als die
einzige Abhilfe können wir nur zur vollkommenen Enthaltung vom
Alkohol raten.
Aber diese Feststellung stürzt uns sofort in einen brodelnden
Kessel von Diskussionen. Viel ist für und wider geschrieben worden.
Unter den Ärzten scheint sich jedoch als die allgemeine Meinung
durchgesetzt zu haben, daß der chronische Alkoholismus unheilbar
ist.
Wo aber gibt es eine Lösung? Vielleicht kann ich diese Frage am
besten beantworten, indem ich über eine meiner Erfahrungen
berichte.
Etwa ein Jahr, bevor ich diese Erfahrung machte, wurde uns ein Mann
eingeliefert, den wir wegen chronischem Alkoholismus behandeln
sollten. Er hatte sich nur teilweise von einem Magenbluten erholt
und schien überdies ein Fall von pathologischem geistigen Zerfall
zu sein. Er hatte alles verloren, was das Leben lebenswert macht,
und er lebte sozusagen nur noch, um zu trinken. Er gab das
freimütig zu und glaubte auch selbst, daß es für ihn keine Hoffnung
mehr gab. Nachdem man ihm den Alkohol entzogen hatte, fand man, daß
keine dauernde Schädigung des Gehirns vorlag. Er nahm den
Lebensplan auf sich, der in diesem Buch dargestellt wird. Ein Jahr
später rief er mich an und kündigte seinen Besuch an. Und da hatte
ich ein ganz eigenartiges Erlebnis. Ich erinnerte mich an den Namen
des Mannes und erkannte auch einigermaßen seine Gesichtszüge
wieder. Aber damit hörte auch alle Ähnlichkeit auf. Aus jenem
zitternden, verzweifelten nervösen Wrack war ein neuer Mensch
geworden, der nur so überströmte von Selbstvertrauen und
Zufriedenheit. Ich sprach eine Zeitlang mit ihm. Ich konnte aber
einfach in mir das Gefühl nicht mehr wachrufen, daß ich ihn früher
gekannt hatte. Für mich war er ein Fremder, und als ein solcher
verließ er mich auch. Eine lange Zeit ohne Alkohol lag zwischen
unseren Begegnungen. Wenn ich eine geistige Aufmunterung brauche,
dann denke ich oft an einen anderen Fall, der uns von einem in New
York sehr bekannten Arzt überwiesen worden war. Der Patient hatte
sich seine eigene Diagnose gestellt. Weil er von der
Hoffnungslosigkeit seiner Lage überzeugt war, hatte er sich in einem
verlassenen Schuppen versteckt und war entschlossen, dort zu
sterben. Einige Leute, die nach ihm fahndeten, hatten ihn gerettet
und in einem entsetzlichen Zustand zu mir gebracht. Nachdem er
körperlich wieder hergestellt war, hatte er ein Gespräch mit mir,
in dem er frei heraus sagte, jede Behandlung sei nur eine
Kraftvergeudung, wenn ich ihm nicht die Versicherung geben könne -
was noch nie jemand habe tun können-, daß er in Zukunft die
Willenskraft besitzen werde, seinem Drang zum Trinken zu
widerstehen.
Sein Alkoholproblem war so vielschichtig und seine Depression war
so tief, daß wir fühlten, seine einzige Hoffnung läge nur noch in
dem, was wir damals eine
"moralische Psychologie" nannten; wir zweifelten aber daran, daß
selbst dies eine Wirkung auf ihn ausüben würde.
Immerhin ließ er sich völlig von den Gedanken überzeugen, die in
diesem Buch enthalten sind. Seit einer langen Reihe von Jahren hat
er kein einziges Glas mehr getrunken. Dann und wann sehe ich ihn;
er ist ein Mensch von so feiner Art geworden, wie man sie immer
gern sehen möchte.
So rate ich jedem Alkoholiker ernstlich, dieses Buch durchzulesen.
Er mag als Spötter mit dem Lesen anfangen, vielleicht endet er mit
einem Gebet."
William D. Silkworth, M.D.
Kapitel 1

Bills Geschichte
Auch die Stadt in New England, in die wir jungen Offiziere von
Plattsburg aus verlegt wurden, war vom Kriegstaumel erfaßt. Wir
fühlten uns geschmeichelt, wenn uns angesehene Bürger in ihre
Häuser einluden und uns das Gefühl gaben, Helden zu sein. Hier
spürten wir mitten im Krieg Zuneigung und Anerkennung. Es waren
erhabene Momente, und manchmal waren wir auch richtig ausgelassen
und fröhlich. - Endlich ging das Leben nicht mehr an mir vorbei. In
diesem Drunter und Drüber entdeckte ich den Alkohol. Eindringliche
Warnungen und Vorurteile meiner Familie gegen das Trinken waren
vergessen. - Kurz darauf waren wir auf dem Weg nach Europa. Ich
fühlte mich sehr einsam und wandte mich wieder dem Alkohol zu.
Wir landeten in England. Ich besuchte Winchester Cathedral. Ich war
davon sehr beeindruckt. Als ich draußen herumschlenderte, erweckte
ein Vers auf einem alten Grabstein meine Aufmerksamkeit:

"Hier liegt ein Hampshire Grenadier,
der trank zu Tod sich, ach,
mit zuviel Krügen kühlem Bier.
Gedenken folgt dem Kriegsmann nach, ob ihn der
grimm'ge Tod erschlug durch Kugel oder Krug."

Eine Warnung, die ich in den Wind schlug.
Mit zweiundzwanzig Jahren schon Kriegsveteran, kam ich
schließlich nach Hause. Ich fühlte mich als Führernatur, denn
hatten mir nicht die Männer meiner Einheit gerade das immer wieder
bestätigt? Mit meinem Führungstalent wollte ich an die Spitze
großer Unternehmen kommen, die ich mit sicherem Geschick leiten
würde.
Ich belegte einen Abendkursus in Rechtswissenschaften und bekam
eine Anstellung als Schadenssachbearbeiter in einer
Versicherungsgesellschaft. Das Streben nach Erfolg hatte mich
gepackt. Ich würde der Welt zeigen, wie wichtig ich war. Meine
Arbeit führte mich zur Wall Street, und nach und nach begann ich,
mich für die Börse zu interessieren. Viele verloren Geld - aber
einige wurden auch sehr reich dabei. Warum nicht auch ich? Außer
mit Jura befaßte ich mich jetzt auch mit Wirtschaftswissenschaften.
Da ich schon auf dem Weg zum Alkoholiker war, schaffte ich beinahe
meinen Jurakursus nicht. Bei einer der Abschlußprüfungen war ich so
betrunken, daß ich weder denken noch schreiben konnte. Obwohl ich
noch nicht ständig trank, war meine Frau beunruhigt. In langen
Gesprächen versuchte ich, sie zu beruhigen, indem ich ihr erzählte,
daß geniale Männer ihre besten Einfälle im Suff hatten und so zu
höchsten philosophischen Erkenntnissen gekommen waren.
Als ich den Kursus in Rechtswissenschaft beendet hatte, wußte ich,
daß Jura nichts für mich war. Ich war in das Mahlwerk der Wall
Street geraten. Wirtschafts- und Finanzbosse waren meine Vorbilder.
Aus dieser Verbindung von Suff und Spekulationen begann ich die
Waffe zu schmieden, die sich eines Tages wie ein Bumerang gegen
mich richten und mich kaputtmachen würde. Meine Frau und ich lebten
bescheiden und sparten 1000 Dollar. Wir legten das Geld in
Wertpapieren an, die damals billig und kaum gefragt waren. Meine
Vermutung, daß sie eines Tages im Kurs erheblich steigen würden,
bestätigte sich später. Ich konnte Maklerfreunde jedoch nicht dazu
bewegen, mich loszuschicken, um einen Überblick über Fabriken und
Unternehmen zu gewinnen. Aber meine Frau und ich beschlossen, es
trotzdem zu tun. Nach einer von mir entwickelten Theorie verloren
die meisten Leute ihr Geld an der Börse durch Unkenntnis des
Marktes. Später entdeckte ich noch viele andere Gründe dafür.
Wir gaben unsere Stellungen auf, und ab ging's auf dem Motorrad,
den Beiwagen vollgestopft mit Zelt, Decken, Kleidern zum Wechseln
und drei großen Handbüchern des Finanzmarktes. Unsere Freunde
meinten, man sollte uns auf unseren Geisteszustand untersuchen.
Vielleicht hatten sie recht. Da ich einigen Erfolg beim Spekulieren
gehabt hatte, besaßen wir etwas Geld. Um unser kleines Kapital
nicht angreifen zu müssen, arbeiteten wir einen Monat auf einer
Farm. Für lange Zeit sollte das für mich die letzte ehrliche,
körperliche Arbeit gewesen sein. Wir bereisten den ganzen östlichen
Teil der Vereinigten Staaten in einem Jahr. Am Ende verschafften
mir meine Berichte an die Wall Street dort eine neue Stellung, und
ich hatte ein hohes Spesenkonto zur Verfügung. Ein Termingeschäft
brachte uns in jenem Jahr Gewinn von mehreren tausend Dollar.
In den nächsten paar Jahren flogen mir Geld und Beifall nur so zu.
Ich hatte es geschafft. Das Rascheln der Geldscheine brachte viele
dazu, meinem Beispiel zu folgen. Der Aufschwung der späten
zwanziger Jahre nahm überschäumende Formen an. Alkohol bildete
einen wichtigen Bestandteil meines Lebens. In den Jazzlokalen der
Stadt wurde hitzig debattiert. Jeder warf mit Tausendern nur so um
sich und phantasierte von Millionen. Sollten die Spötter ruhig
spotten, mir war's gleich. Ich machte mich zum Gastgeber von
Schönwetterfreunden.
Mein Trinken nahm ernstere Formen an, ich trank fast den ganzen Tag
und beinahe jeden Abend. Die Vorhaltungen meiner Freunde führten zu
Streit und machten mich zum Einzelgänger. In unserer aufwendigen
Wohnung gab es häßliche Szenen. Meiner Frau war ich nie richtig
untreu geworden. Vor Seitensprüngen bewahrte mich die
Anhänglichkeit zu ihr und meine zeitweilig extreme Trunkenheit. Im
Jahr 1929 packte mich das Goldfieber. Deshalb zogen wir aufs Land.
Für meinen Ehrgeiz, den damals berühmten Golfspieler Walter Hagen
zu schlagen, erwartete ich den Beifall meiner Frau. Aber der
Alkohol holte mich schneller ein, als ich Walter Hagen schlagen
konnte. Das morgendliche Zittern begann. Beim Golfspiel war es
möglich, von morgens bis abends zu trinken. Es machte mir Spaß, auf
dem exklusiven Platz umherzustreifen, der in mir schon solche
Ehrfurcht erweckt hatte, als ich noch ein Junge gewesen war. Meine
Haut nahm die makellose Bräune der Wohlhabenden an. Mit amüsierter
Skepsis beobachtete der örtliche Bankangestellte den regen Ein- und
Ausgang meiner dicken Schecks.
Ganz unerwartet brach im Oktober 1929 an der New Yorker Börse die
Hölle los. Nach einem dieser verteufelten Tage schwankte ich aus
einer Hotelbar in ein Maklerbüro. Es war abends acht Uhr, fünf
Stunden nachdem die Börse geschlossen hatte. Der automatische
Kursanzeiger tickte immer noch. Ich starrte auf einen
Papierstreifen mit der Notierung XYZ 32. Am Morgen waren es noch 52
gewesen. Wie so viele meiner Freunde war auch ich ruiniert. Die
Zeitungen berichteten, daß Menschen von den hohen Dächern der
Finanzburgen in den Tod gesprungen waren. Das widerte mich an. Ich
würde nicht springen. Ich ging in die Bar zurück. Seit 10 Uhr
morgens hatten meine Freunde mehrere Millionen verloren - na und?
Morgen war ein neuer Tag. Beim Trinken kehrte meine alte,
verbissene Entschlossenheit zu gewinnen zurück.
Am nächsten Morgen rief ich einen Freund in Montreal an. Er hatte
genügend Geld übrigbehalten und meinte, es wäre besser, wenn ich
nach Kanada ginge. Im Frühjahr des folgenden Jahres lebten wir
wieder in unserem altgewohnten Stil. Ich fühlte mich wie Napoleon
nach der Rückkehr von Elba. Für mich gab es kein St. Helena. Aber
bald trank ich wieder, und mein großzügiger Freund war gezwungen,
mich fallenzulassen. Diesmal waren wir endgültig pleite.
Wir zogen zu den Eltern meiner Frau. Ich fand Arbeit, die ich
jedoch nach einer Schlägerei mit einem Taxifahrer verlor. Gott sei
dank konnte damals noch
niemand voraussehen, daß ich fünf Jahre lang keinen festen Ar-
beitsplatz haben und genauso lange Zeit kaum nüchtern sein würde.
Meine Frau nahm eine Stellung in einem Kaufhaus an. Wenn sie abends
erschöpft nach Hause kam, fand sie mich betrunken vor. Ich
wurde zum unerwünschten Herumtreiber in den Maklerbüros.
Alkohol war kein Luxus mehr, er wurde zur Notwendigkeit. Zwei bis
drei Flaschen schwarz gebrannter Gin wurden zur Gewohnheit. Kleine
Geschäfte brachten hin und wieder einige hundert Dollar, so daß ich
meine Schulden in den Bars und Lebensmittelgeschäften bezahlen
konnte. So ging es endlos weiter. Ich wachte morgens sehr früh auf
und war dabei von heftigem Zittern geschüttelt. Um überhaupt
frühstücken zu können, brauchte ich erst ein Wasserglas Gin und ein
halbes Dutzend Flaschen Bier. Trotzdem glaubte ich immer noch, die
Situation im Griff zu haben. Es gab aber auch nüchterne Phasen, die
meiner Frau wieder Hoffnung machten.
Nach und nach wurde es schlimmer. Das Haus wurde von Gläubigern
übernommen, meine Schwiegermutter starb, meine Frau und mein
Schwiegervater wurden krank.
Dann bot sich mir eine vielversprechende Gelegenheit, ein Geschäft
zu machen. Die Aktien waren auf dem Tiefstand von 1932, und
irgendwie gelang es mir, eine Käufergruppe zu bilden. Ich sollte
großzügig am Gewinn beteiligt werden. Die guten Chancen verdarb ich
mir durch eine neue Sauftour.
Ich wachte auf. Das mußte ein Ende haben. Ich sah ein, daß ich
nicht mal mehr ein einziges Glas trinken durfte. Ich war restlos
fertig. Früher hatte ich die heiligsten, schriftlichen Versprech-
ungen gemacht. Jetzt aber war meine Frau glücklich darüber, daß es
mir dieses Mal ernst damit war. Es war mir ernst.
Kurz danach kam ich dennoch betrunken nach Hause. Ich hatte mich
nicht dagegen gewehrt. Wo waren meine großen Vorsätze geblieben?
Ich wußte es einfach nicht. Es war mir auch nicht bewußt geworden.
Jemand hatte mir ein Glas zugeschoben, und ich hatte es
ausgetrunken. War ich verrückt? Bei so viel Unüberlegtheit schien
ich nicht weit davon entfernt zu sein.
Ich erneuerte meinen Vorsatz und versuchte es wieder. Nach einiger
Zeit wurde das Selbstvertrauen von Überheblichkeit abgelöst. Ich
konnte über die Schnapsbrennereien lachen. Jetzt wußte ich, worauf
es ankam. Eines Tages betrat ich ein Café, um zu telefonieren.
Plötzlich stand ich an der Bar, ohne zu wissen, wie ich dahin
gekommen bin.
Als mir der Whisky zu Kopf stieg, sagte ich mir, daß ich es das
nächste Mal besser machen würde. Jetzt wollte ich mich erst einmal
besser fühlen und ließ mich vollaufen.
Die Reue, den Schrecken und die Hoffnungslosigkeit am nächsten
Morgen werde ich nie vergessen. Der Mut zu kämpfen war weg. Mein
Hirn raste unkontrolliert, und ich hatte ein schreckliches Gefühl
von drohendem Unheil. Es war noch nicht Tag, und ich wagte kaum,
|über die Straße zu gehen aus Angst, zusammenzubrechen und von einem
Lieferwagen überfahren zu werden. Eine Kneipe, die die ganze Nacht
geöffnet hatte, versorgte mich mit etlichen Glas Bier. Meine
verkrampften Nerven kamen schließlich zur Ruhe. Durch eine
Morgenzeitung erfuhr ich, daß an der Börse wieder der Teufel los
war. In mir auch. Der Börsenmarkt würde sich erholen, ich aber
nicht. Das war hart. Sollte ich Schluß machen? Nein - jetzt nicht.
Ich war wie benebelt. Gin würde das beheben. Zwei Flaschen und -
totales Vergessen.
Körper und Geist sind wunderbare Mechanismen. Sie hielten diese
Qual noch zwei Jahre aus. In meiner schrecklichen morgendlichen
Verfassung vergriff ich mich an dem dünnen Portemonnaie meiner
Frau. Dann stand ich wieder einmal schwankend vor einem offenen
Fenster oder am Medikamentenschrank, in dem Gift war, und ver-
fluchte mich als Schwächling. Durch Ausflüge in die Umgebung
versuchten wir, dieser Situation zu entfliehen. Dann kam die Nacht,
in der meine körperlichen und geistigen Qualen so höllisch waren,
daß ich Angst hatte, durchs geschlossene Fenster zu springen.
Irgendwie schaffte ich es, meine Matratze in ein unteres Stockwerk
zu zerren, um die Gefahr zu verringern, falls ich plötzlich
springen sollte. Ein Arzt kam und gab mir ein starkes
Beruhigungsmittel. Am nächsten Tag nahm ich beides, Gin und
Beruhigungsmittel. Diese Mischung gab mir bald den Rest. Alle
fürchteten um meinen Verstand. Ich auch. Wenn ich trank, konnte ich
wenig oder nichts essen. Ich hatte 40 Pfund Untergewicht. Mein
Schwager ist Arzt. Mit seiner und meiner Mutter Hilfe wurde ich in
ein bekanntes Rehabilitations-Krankenhaus für Alkoholiker gebracht.
Durch eine sogenannte Belladonna-Behandlung wurde mein Hirn wieder
klar. Hydrotherapie und leichte Gymnastik halfen viel. Doch das
Beste war, daß ich einen freundlichen Arzt traf, der mir erklärte,
daß ich zwar selbstsüchtig und leichtsinnig gewesen war, aber auch
ernsthaft krank, körperlich und geistig. Es erleichterte mich
irgendwie, als ich erfuhr, daß Alkoholiker einen erstaunlich
geschwächten Willen haben, wenn es darum geht, gegen Alkohol zu
kämpfen, obwohl dieser Wille in anderer Beziehung oft stark bleibt.
Das erklärte mein unglaubliches Benehmen bei dem verzweifelten
Versuch, mit dem Trinken aufzuhören. Da ich nun wußte, wie es um
mich stand, keimte neue Hoffnung in mir. Drei oder vier Monate
hielt diese Stimmung an. Regelmäßig ging ich in die Stadt und
verdiente sogar etwas Geld. Selbsterkenntnis - das war sicherlich
die Antwort.
Es war nicht die Antwort, denn der gefürchtete Tag kam, an dem ich
wieder trank. Mit meiner moralischen und körperlichen
Gesundheit ging es rapide bergab. Nach kurzer Zeit war ich wieder
im Krankenhaus. Das war das Ende, der Vorhang fiel, so schien es
mir. Meiner besorgten und verzweifelten Frau wurde mitgeteilt, daß
ich innerhalb eines Jahres entweder durch Herzversagen im Delirium
tremens oder durch Gehirnerweichung enden würde. Sie müsse mich
bald entweder dem Totengräber oder der Irrenanstalt überlassen.

Mir brauchte man das nicht zu sagen. Ich wußte es und begrüßte
beinahe den Gedanken. Mein Stolz war aufs tiefste verletzt. Ich,
der ich so sehr von mir überzeugt war und von meiner Fähigkeit,
Schwierigkeiten zu überwinden, war
schließlich in die Ecke gedrängt. Nun sollte ich in die Dunkelheit
fallen und mich den endlosen Reihen von Säufern anschließen. Ich
dachte an meine arme Frau. Trotz allem waren wir glücklich gewesen.
Was würde ich nicht alles geben, um wiedergutzumachen! Damit war es
aber jetzt vorbei.
Worte können nicht die Einsamkeit und Verzweiflung wiedergeben, die
ich im tiefen Morast des Selbstmitleids fand. Treibsand war um mich
herum in allen Richtungen. Ich hatte mein Spiel gespielt - und
verloren. Der Alkohol war mein Meister.
Zitternd verließ ich als gebrochener Mann das Krankenhaus. Furcht
ernüchterte mich für kurze Zeit. Dann kam der heimtückische Irrsinn
des ersten Glases, und am "Tag der Armee" 1934 war ich wieder voll
drin. Alle kamen zu der Überzeugung, daß man mich irgendwo
einsperren müsse, oder ich würde elend zugrunde gehen. Wie dunkel
ist es doch vor Tagesanbruch. In Wirklichkeit war das der Anfang
meiner letzten Saufphase. Bald aber sollte ich in das geschleudert
werden, was ich gern als die "vierte Dimension" des Daseins
bezeichne. Ich sollte Glück, Frieden und eigene Nützlichkeit
kennenlernen in einem neuen Leben, das mit fortschreitender Zeit
immer schöner wird.
Und das geschah so: Gegen Ende des tristen Novembers saß ich in
meiner Küche und trank. Mit einer gewissen Befriedigung dachte ich
daran, daß genug Gin im Hause versteckt war, um mich durch die
Nacht und über den nächsten Tag zu bringen. Meine Frau arbeitete.
Ich überlegte, ob ich es wagen konnte, eine Flasche Gin am Kopfende
unseres Bettes zu verstecken. Vor Tagesanbruch würde ich sie
brauchen.
Meine Überlegungen wurden durch das Telefon unterbrochen. Mit
munterer Stimme fragte ein alter Schulfreund, ob er mal rüber
kommen könne. Er war nüchtern. Soweit ich mich erinnern konnte, lag
es Jahre zurück, daß er in diesem Zustand nach New York gekommen
war. Ich war überrascht. Gerüchten zufolge hatte man ihn wegen
alkoholischen Irrsinns in eine Klinik eingewiesen. Ich fragte mich,
wie er da hatte herauskommen können. Sicher würde er
zu Abend essen, und dann könnte ich ganz offen mit ihm trinken. Ohne
Rücksicht auf sein Wohlergehen dachte ich nur daran, den Geist
früherer Tage heraufzubeschwören. Als Krönung einer Sauftour hatten
wir einmal sogar ein Flugzeug gechartert. Sein Kommen war wie eine
Oase in dieser trostlosen Wüste sinnlosen Lebens. Das war es - eine
Oase! Säufer sind so.
Die Tür ging auf, er stand da, frisch rasiert und strahlend. Da war
etwas in seinem Blick. Er war auf unerklärliche Weise verändert.
Was war geschehen?

Ich schob ihm einen Drink zu. Er lehnte ihn ab. Enttäuscht, aber
neugierig überlegte ich, was mit dem Kerl geschehen war. Er war
nicht mehr er selbst. "Komm, was soll das alles?", fragte ich mit
Nachdruck. Er schaute mich offen an. Lächelnd sagte er einfach:
"Ich habe meinen Glauben gefunden."
Ich war bestürzt. Das war es also. Im vergangenen Sommer ein
alkoholischer Spinner und jetzt ein leicht spinnender
Glaubensbruder, argwöhnte ich. Er hatte diesen verklärten Blick.
Ja, der alte Bursche hatte Feuer gefangen. Lass' ihn schwätzen,
meinen Segen hat er! Außerdem würde mein Gin länger halten als sein
Predigen.
Aber es war kein Geschwätz. Mit einfachen, knappen Worten be-
richtete er, wie zwei Männer vor Gericht erschienen waren und den
Richter dazu gebracht hatten, seinen Einweisungsbeschluß aufzuhe-
ben. Sie hatten von einem einfachen Glaubensgedanken und einem
praktischen, zu Aktivität auffordernden Arbeitsprogramm gesprochen.
Das war vor zwei Monaten, und das Ergebnis war offensichtlich. Es
funktionierte!
Er war gekommen, um seine Erfahrungen an mich weiterzugeben - wenn
ich Wert darauf legte. Ich war wie vor den Kopf geschlagen, aber
dennoch interessiert. Gewiß war ich interessiert. Ich mußte es
sein, denn ich war ohne Hoffnung.
Er sprach stundenlang. Kindheitserinnerungen tauchten in mir auf.
Es war mir, als hörte ich die Stimme des Pfarrers, wenn ich an
stillen Sonntagen weit draußen auf den Hügeln saß. Da war dieser
Vorschlag zu einem Nüchternheitsgelübde, dem ich nie gefolgt war.
Ebenso erinnerte ich mich an den gutmütigen Spott meines Großvaters
über die Geistlichkeit und deren Getue, auch daran, daß er darauf
beharrte, es gäbe wirklich Musik in den Sphären. Gleichzeitig aber
sprach er dem Pfarrer das Recht ab, ihm vorzuschreiben, wie er den
Klängen zu lauschen habe. Ich dachte an die Furchtlosigkeit, mit der
mein Großvater von all diesen Dingen kurz vor seinem Tode
gesprochen hatte. Bei diesen Gedanken, die aus der Vergangenheit
auftauchten, hatte ich einen Kloß im Hals.
Der Kriegstag in der alten Wingerter Cathedral tauchte wieder auf.
Ich hatte immer an eine Macht, größer als ich selbst, geglaubt und
hatte mir oft über diese Dinge Gedanken gemacht. Ich war kein
Atheist. Tatsächlich gibt es nur wenige Atheisten, denn Atheismus
bedeutet blind der seltsamen Theorie zu vertrauen, daß das
Universum aus dem Nichts kommt und ziellos in das Nichts rast. Die
von mir anerkannten geistigen Größen aus der Chemie, der
Astronomie, ja sogar die aus der Abstammungslehre, sprachen von
allumfassenden Gesetzen und Kräften, die am Werk waren. Trotz aller
gegenteiligen Anzeichen gab es bei mir wenig Zweifel, daß eine
machtvolle Absicht und Ordnung allem zugrunde lag. Wie konnte es
ohne Geist und Verstand so genaue und unwandelbare Gesetze geben?
Ich mußte ganz einfach an einen Geist des Universums glauben, der
weder Zeit noch Grenzen kennt. Bis dahin war ich mit meinen
Gedanken gekommen.
Damit hörte die Gemeinsamkeit zwischen der Geistlichkeit, den
Weltreligionen und mir schon auf. Wenn sie von einem Gott sprachen,
der mir nahestand, der ein Gott der Liebe, der übermenschlichen
Stärke und der Wegweisung war, wurde ich verwirrt, und mein Geist
verschloß sich solchen Theorien.
Ich war bereit, zuzugestehen, daß Christus ein großer Mann gewesen
war, in weitem Abstand gefolgt von denjenigen, die ihn für sich
beanspruchen. Seine geistige Lehre hielt ich für ausgezeichnet. Für
mich hatte ich das akzeptiert, was mir paßte und bequem war; den
Rest beachtete ich nicht.
Die Kriege, die Verbrennungen und Grausamkeiten, die durch
Religionsstreitigkeiten entfacht worden waren, machten mich krank.
Mir kamen ehrliche Zweifel, ob die Religionen den Menschen
überhaupt Gutes gebracht hatten. Wenn ich davon ausging, was ich in
Europa und danach gesehen hatte, konnte ich von göttlichem Wirken
zwischen den Menschen nichts spüren. Hier noch von Brüderlichkeit
zu reden, war ein grausamer Witz. Wenn es einen Teufel gab, schien
er der Herr der Welt zu sein, und mich hatte er mit Sicherheit in
seiner Gewalt.
Aber nun saß mein Freund vor mir und erklärte mir geradeheraus, daß
Gott für ihn das getan hatte, was er selbst für sich nicht hatte
tun können. Sein menschlicher Wille hatte versagt. Ärzte hatten ihn
für unheilbar erklärt. Die Gesellschaft war drauf und dran, ihn
einzusperren. Wie ich hatte auch er seine totale Niederlage
eingestanden. Dann war er tatsächlich wieder von den Toten
auferstanden, von einem Abfallhaufen in ein Leben, wie er es besser
nie gekannt hatte.
Kam diese Kraft aus ihm selbst? Offensichtlich nicht. In ihm war
nicht mehr Kraft gewesen als in diesem Augenblick in mir war; und
da war gar keine.

Das haute mich um. Es dämmerte mir, religiöse Menschen könnten
trotz allem recht haben. Hier war etwas im Menschenherzen am Werk,
was Unmögliches möglich machte. In dem Moment wurde meine
Vorstellung von Wundern drastisch verändert: Weg mit dem alten Hut.
Hier saß mir ein Wunder am Küchentisch gegenüber und verkündete
große, gute Neuigkeiten.
Ich sah, daß mein Freund mehr als eine innerliche Wandlung durch
gemacht hatte. Er hatte eine andere Basis. Er wurzelte in neuem
Boden.
Trotz des lebenden Beispiels meines Freundes blieben in mir Reste
meines alten Vorurteils. Das Wort Gott erweckte in mir immer noch
eine Art Antipathie. Dieses Gefühl verstärkte sich bei dem Gedan-
ken, daß es einen mir nahestehenden Gott geben sollte. Mir lag
dieser Gedanke nicht. Für Begriffe wie schöpferische Intelligenz,
allumfassender Geist oder Naturgeist konnte ich mich begeistern,
aber ich widersetzte mich dem Gedanken an einen Herrscher im
Himmel, wie liebevoll seine Herrschaft auch immer sein mochte. Ich
habe seither mit einer Menge von Leuten gesprochen, die früher
genauso empfunden hatten.
Mein Freund machte einen Vorschlag, der mir damals als ein neuer
Gedanke erschien. Er sagte: "Warum suchst du dir nicht deinen
eigenen Begriff von Gott?"

Diese Aufforderung überzeugte mich. Sie ließ den geistigen Eisberg
schmelzen, in dessen Schatten ich viele Jahre gelebt und gezittert
hatte. Schließlich stand ich im Sonnenlicht.
Es kam nur darauf an, bereit zu sein, an eine Macht, größer als ich
selbst, zu glauben. Mehr wurde von mir für meinen Anfang nicht
gefordert. Ich erkannte, daß von hier aus das Wachstum beginnen
konnte. Auf dem Fundament vollständiger Bereitschaft könnte ich das
aufbauen, was ich in meinem Freund sah. Würde ich die Bereitschaft
haben? Selbstverständlich würde ich.
So wurde ich davon überzeugt, daß Gott für uns Menschen da ist,
wenn wir ihn wirklich wollen. Endlich sah ich, fühlte ich, glaubte
ich. Stolz und Vorurteile fielen wie Schuppen von meinen Augen.
Eine neue Welt tat sich auf.
Die wirkliche Bedeutung meines Erlebnisses in der Kathedrale ging
mir plötzlich auf. Für einen kurzen Augenblick hatte ich Gott
gebraucht und gewollt. In mir war eine demütige Bereitschaft, Ihn
bei mir zu haben, und Er kam. Aber bald wurde das Gefühl für
Seine Gegenwart überdeckt durch laute Geschäftigkeit, vor allem in
mir selbst. Und so war es seitdem immer. Wie blind war ich! Den
letzten Alkoholentzug machte ich im Krankenhaus. Die Behandlung
erschien ratsam, denn ich hatte Anzeichen von Delirium tremens.
Dort empfahl ich mich demütig Gott, so wie ich ihn damals verstand,
und bat ihn, mit mir zu tun, was er wolle. Ich vertraute mich
uneingeschränkt seiner Fürsorge und Leitung an. Zum ersten Mal gab
ich zu, daß ich von mir aus nichts war; ohne Ihn war ich
verloren. Schonungslos bekannte ich mich zu meinen Sünden und war
bereit, sie von diesem neugewonnenen Freund mit Stumpf und Stiel
von mir nehmen zu lassen. Seitdem habe ich keinen Alkohol mehr
getrunken.
Mein Schulfreund besuchte mich, und ich vertraute ihm voll meine
Probleme und Mängel an. Wir machten eine Liste von Menschen, die
ich verletzt hatte und gegen die ich Groll hegte. Ich erklärte
meine völlige Bereitwilligkeit, diesen Leuten meine Fehler einzu-
gestehen. Niemals mehr wollte ich sie kritisieren. All diese Dinge
mußte ich nach besten Kräften in Ordnung bringen.
Ich mußte mein Denken im Licht meiner neuen Gotteserkenntnis
überprüfen. Was mir früher als "gesunder Menschenverstand"
erschien, war mir jetzt gar nicht mehr so selbstverständlich. Im
Zweifel würde ich mich ruhig hinsetzen, Ihn nur um Leitung und
Kraft bitten, mich meinen Problemen in Seinem Sinn stellen zu
können. Niemals wollte ich etwas für mich selbst erbitten, es sei
denn, ich könnte damit anderen nützlich sein. Nur so konnte ich
erwarten, etwas zu erhalten. Und das würde in hohem Maße sein. Mein
Freund versprach, ich würde in eine neue Beziehung zu meinem
Schöpfer treten, wenn diese Dinge getan wären. Ich würde die
Grundlagen für eine neue Lebensform erhalten und Antworten auf alle
meine Probleme. Die wesentlichen Voraussetzungen waren: Glaube an
die Macht Gottes, dazu genug Bereitwilligkeit, Ehrlichkeit und
Demut, den Dingen einen neuen Stellenwert zu geben und zu erhalten.
Einfach, aber nicht leicht: Ein Preis mußte bezahlt werden. Das
bedeutete Zerstörung der Ichbezogenheit. Ich muß mich in allem an
den Vater des Lichts wenden, der über uns allen steht.
Das waren revolutionäre und einschneidende Vorschläge, aber in dem
Augenblick, in dem ich sie voll annahm, hatten sie eine
elektrisierende Wirkung. Da war in mir Siegesgefühl, dem Frieden
und Gelassenheit folgten, wie ich es vorher nie gekannt habe. Das
gab mir unendliches Vertrauen. Ich fühlte mich emporgehoben, wie
von einem starken, frischen Bergwind durchweht. Gott offenbart sich
den meisten Menschen zögernd. Aber auf mich war sein Wirken
schlagartig und tiefgreifend.
Für einen Augenblick war ich stark beunruhigt und rief meinen
Freund, den Arzt, um ihn zu fragen, ob ich noch bei Verstand sei.
Er hörte mir erstaunt zu. Schließlich schüttelte er seinen Kopf und
sagte: "Mit dir ist etwas geschehen, was ich nicht verstehe. Aber
bleib nur dabei. Besser so als vorher." - Der gute Doktor hat
später noch viele Menschen erlebt, die solche Erfahrungen gemacht
haben, und er wußte dann, daß es so etwas wirklich gibt. Während
ich im Krankenhaus lag, kam mir der Gedanke, daß es Tausende von
hoffnungslosen Alkoholikern gab, die glücklich darüber wären, das
zu erhalten, was mir so großmütig gegeben worden war. Vielleicht
könnte ich einigen von ihnen helfen. Sie wiederum könnten es
anderen weitergeben.
Mein Freund verwies darauf, wie notwendig es sei, diese Prinzipien
allen meinen persönlichen Angelegenheiten zugrunde zu legen. Dazu
gehörte vorrangig, mit anderen so zusammenzuarbeiten, wie er es mit
mir getan hatte. Glaube ohne Taten sei leblos, sagte er. Wie
einleuchtend und wahr für den Alkoholiker! Wenn ein Alkoholiker es
versäumte, sein geistiges Leben durch Arbeit und selbstlose Hilfe
für andere zu vervollkommnen und zu erweitern, konnte er nicht die
mit Sicherheit vor ihm liegenden Versuchungen und Tiefschläge
überleben. Wenn er nicht in diesem Sinn arbeitet,
wird er bestimmt wieder trinken, und wenn er wieder trinkt, wird er
bestimmt sterben. Deshalb ist der Glaube ohne Taten wirklich tot.
Und das trifft auf uns ganz sicherlich zu.
Meine Frau und ich widmeten uns mit Begeisterung der Aufgabe,
anderen Alkoholikern bei der Lösung ihrer Probleme zu helfen. Das
traf sich gut. Meine alten Geschäftsfreunde blieben nämlich skep-
tisch, so daß ich anderthalb Jahre lang kaum Arbeit fand. Damals
ging es mir nicht besonders gut, Wellen von Selbstmitleid und Groll
überschwemmten mich. Das trieb mich manchmal fast zum Glas zurück.
Bald fand ich heraus: Wenn alle anderen Mittel versagten, konnte
ich den Tag retten, indem ich mich um einen anderen Alkoholiker
kümmerte.
 

Oft bin ich verzweifelt zu meinem alten Krankenhaus gegangen. Wenn
ich mich
dort mit jemanden unterhielt, war ich verblüfft, wie schnell ich
wieder aufgerichtet und auf die Füße gestellt war. Das ist ein
Lebensrezept, das in schwierigen Fällen hilft.
Schnell fanden wir viele Freunde. Es bildete sich eine Gemein-
schaft, und es ist eine wunderbare Sache, daran teilzuhaben. Wir
können uns des Lebens freuen, selbst unter Druck und
Schwierigkeiten. Ich habe Hunderte von Familien gesehen, die ihre
Füße auf diesen Weg gesetzt haben, der wirklich zu einem Ziel
führt. Wir haben gesehen, daß die unmöglichsten häuslichen
Verhältnisse wieder in Ordnung kamen. Streit und Verbitterung aller
Art verschwanden. Ich habe Menschen gesehen, die aus Anstalten
kamen und ihren wichtigen Platz im Leben der Familien und Gemeinden
wieder einnahmen. Geschäftsleute und Akademiker haben ihr Ansehen
wiedergewonnen. Es gibt kaum eine Form von Ärger und Elend, die
wir nicht bewältigt haben. In einer Stadt im Westen und in deren
Umgebung gibt es tausend von uns und unseren Familien. Wir treffen
uns häufig,
so daß Neulinge die Gemeinschaft finden können, die sie suchen. An
diesen zwanglosen Zusammenkünften nehmen oft zwischen fünfzig und
zweihundert Personen teil. An Zahl und Kraft nehmen wir ständig
zu.
Ein Alkoholiker, der noch am Glas hängt, ist kein liebenswertes
Geschöpf. Unser Ringen um sie ist unterschiedlich anstrengend, oft
komisch und manchmal tragisch. Ein armer Kerl beging bei uns zu
Haus Selbstmord. Er konnte oder wollte unsere Art zu leben nicht
begreifen.
Dennoch haben wir viel Freude an allem. Ich vermute, daß mancher
schockiert ist über unsere scheinbare Frivolität und Weltlichkeit.
Dahinter aber verbirgt sich tödlicher Ernst. Der Glaube muß 24
Stunden am Tag in uns und durch uns arbeiten, oder wir kommen um.
Die meisten von uns erkennen, daß wir nicht weiter nach Utopia
suchen müssen. Wir haben es jetzt und hier. Täglich wird aus dem
einfachen Gespräch mit meinem Freund in unserer Küche ein sich
erweiternder Kreis von Friede auf Erden und den Menschen ein
Wohlgefallen.

(Bill W., Mitbegründer der AA-Gemeinschaft,
ist am 24. Januar 1971 gestorben.)

Kapitel 2

Es gibt eine Lösung

Wir Anonymen Alkoholiker kennen Tausende von Männern und Frauen,
die einst genauso hoffnungslos waren wie Bill. Fast alle haben ihre
Gesundheit wieder erlangt. Sie haben das Trinkproblem gelöst.
Wir sind Durchschnitts-Amerikaner. Alle Schichten und viele Berufe
sind bei uns ebenso vertreten wie politische, wirtschaftliche,
soziale und religiöse Richtungen. Wir sind Menschen, die
normalerweise keinen Umgang miteinander hätten. Jedoch besteht
zwischen uns eine Kameradschaft, ein gegenseitiges Wohlwollen und
Verständnis. Das ist unbeschreiblich schön. Wir fühlen uns wie
Passagiere eines Ozeanriesen nach der Rettung aus Seenot, wenn
Verbrüderung, Lebensfreude und Gemeinschaftsgefühl das Schiff
erfüllen, vom Maschinenraum bis zur Kommandobrücke. Im Gegensatz zu
den Schiffspassagieren hört unsere Freude über das Entkommen aus
der Katastrophe nicht auf, wenn wir nachher wieder unsere eigenen
Wege gehen. Das Gefühl, gemeinsam eine Gefahr durchstanden zu
haben, ist ein Teil der Kraft, die uns verbindet. Doch das allein
würde uns nie so zusammengehalten haben, wie wir heute
zusammenstehen .
Für jeden von uns ist es eine unvorstellbare Tatsache, daß wir eine
gemeinsame Lösung gefunden haben. Wir haben einen Weg gefunden,
über den wir uns einig sind und auf dem wir brüderlich vereint und
in voller Harmonie weitergehen. Das ist die gute Nachricht, die
dieses Buch den Menschen bringt, die noch unter Alkoholismus
leiden.
Eine Krankheit dieser Art -wir sind zu der Überzeugung gekommen,
daß es eine Krankheit ist- bezieht unsere Umgebung so mit ein wie
keine andere Krankheit. Hat jemand Krebs, wird er von allen
bemitleidet, und keiner ist verärgert oder verletzt. Nicht so aber
bei der Alkoholkrankheit, denn mit ihr geht eine Vernichtung aller
Dinge einher, die den Wert des Lebens ausmachen. Sie zieht alle mit
herunter, deren Leben mit dem Leidenden verbunden ist. Diese
Krankheit hat in ihrem Gefolge: Mißverständnisse, tiefe
Verärgerung, finanzielle Unsicherheit, angewiderte Freunde und
verärgerte Arbeitgeber. Mitbetroffen sind auch unschuldige Kinder,
unglückliche Frauen und Eltern. Diese Liste läßt sich beliebig
fortsetzen.
Wir hoffen, daß dieses Buch diejenigen informiert und tröstet, die
betroffen sind oder jemals betroffen sein könnten. Davon gibt es
viele.
Hochqualifizierte Psychiater, die mit uns zu tun hatten, waren
manchmal nicht in der Lage, einen Alkoholiker dazu zu bringen,
rückhaltlos über seinen Zustand zu sprechen. Seltsamerweise finden
Ehefrauen, Eltern und nahe Freunde uns Alkoholiker gewöhnlich noch
unzugänglicher als der Psychiater und der Arzt. Der ehemals
süchtige Trinker, der den Ausweg gefunden hat und der gewappnet ist
mit Erkenntnissen über sich selbst, kann im allgemeinen das volle
Vertrauen eines anderen Alkoholikers in wenigen Stunden gewinnen.
Ehe es aber zu einem solchen gegenseitigen Verstehen kommt, ist nur
wenig oder nichts zu erreichen. Derjenige, der auf den Alkoholiker
zugeht, hatte die gleichen Schwierigkeiten und weiß, wovon er
spricht. Aus der ganzen Haltung seines Gesprächspartners erkennt
der Betroffene, daß das der Mann mit der richtigen Antwort ist.
Dieser Mann hat nicht die Einstellung: "Ich bin besser als du!" Er
hat nur den aufrichtigen Wunsch zu helfen. Es sind keine Beiträge
zu zahlen, es werden keine eigennützigen Zwecke verfolgt, es wird
niemandem schön getan, es müssen keine Moralpredigten ertragen
werden. Das sind die wirksamsten Voraussetzungen dafür, daß jemand
aufstehen und wieder leben kann.
Niemand von uns empfindet diese Arbeit als einzige Berufung. Wir
glauben auch nicht, daß wir erfolgreicher wären, wenn wir es täten.
Wir glauben, daß das Aufhören mit dem Trinken nur ein Anfang ist.
Wichtiger ist es, die neuen Grundsätze zu Haus, im Beruf und im
Geschäftsleben anzuwenden. Wir alle verbringen viel
von unserer freien Zeit im Bemühen um andere Alkoholiker, was wir
noch näher beschreiben werden. Nur wenigen ist es möglich, nahezu
ihre gesamte Zeit dieser Aufgabe zu widmen.
Wenn wir auf dem Weg bleiben, den wir beschritten haben, wird
zweifellos viel Gutes erreicht; dennoch ist damit kaum mehr als die
Oberfläche des Problems angekratzt. Diejenigen von uns, die in
großen Städten leben, sind betroffen bei dem Gedanken, daß täglich
Hunderte von Alkoholikern in Vergessenheit geraten. Viele könnten
genesen, wenn sie die Gelegenheit hätten, wie wir sie gehabt haben.
Wie können wir das weitergeben, was uns so bereitwillig gegeben
wurde?
Wir haben beschlossen, anonym ein Buch zu veröffentlichen, in
welchem wir das Problem so darstellen, wie wir es sehen. In diese
Arbeit werden wir unsere gesammelten Erfahrungen und Kenntnisse
einbringen. Wir empfehlen damit ein brauchbares Programm für jeden,
der ein Problem mit dem Trinken hat.
Es ist notwendig, daß medizinische, psychiatrische, gesellschaft
liche und religiöse Fragen diskutiert werden. Dabei sind wir uns
bewußt, daß diese Themen von ihrer Substanz her oft strittig sind.
Nichts würde uns mehr Freude bereiten, als ein Buch zu schreiben,
das keinen Anlaß für Streit und Auseinandersetzungen gibt. Wir
werden unser Bestes tun, dieses Ideal zu verwirklichen. Die meisten
von uns spüren, daß echte Toleranz gegenüber Fehlern und Ansichten
anderer Menschen und die Achtung vor ihren Meinungen eine
Einstellung ist, die uns für andere nützlicher macht. Für uns
Alkoholiker hängt das Leben im wahrsten Sinne des Wortes davon ab,
daß wir ständig an andere Alkoholiker denken und nach Wegen suchen,
ihnen aus der Not zu helfen.
Sie werden sich sicher schon gefragt haben, warum wir alle vom
Trinken schwer krank wurden. Sie sind ohne Zweifel neugierig, wie
und warum wir, trotz gegenteiliger Ansicht von Fachleuten aus einer
hoffnungslosen Erkrankung von Geist und Körper genesen konnten.
Wenn Sie Alkoholiker sind und mit dem Trinkproblem fertig werden
wollen, werden Sie vielleicht fragen: "Was muß ich tun?"
Dieses Buch soll diese Fragen eingehend beantworten. Wir werden
Ihnen erzählen, was wir getan haben. Bevor wir darauf im einzelnen
zu sprechen kommen, wird es gut sein, einige Punkte
zusammenzufassen, so wie wir sie sehen.
Wie oft hat man uns gesagt: "Ich kann Alkohol trinken oder stehen
lassen. Warum kann er es nicht?" "Warum trinkst du nicht wie ein
normaler Mensch oder läßt es ganz?" "Dieser Bursche kann mit
Schnaps nicht umgehen." "Warum versuchst du es nicht mit Bier oder
Wein?" "Laß die Finger von harten Sachen!" "Er muß willensschwach
sein." "Er könnte aufhören, wenn er nur wollte." "Sie ist so ein
nettes Mädchen, ich könnte mir vorstellen, daß er ihretwegen
aufhört." "Der Arzt hat ihm gesagt, wenn er je wieder trinken
würde, wäre das sein Tod, trotzdem ist er schon wieder voll."
Das sind die üblichen Bemerkungen über Trinker, wie wir sie ständig
hören. Hinter solchen Worten steht eine ganze Welt von Unwissenheit
und Unverständnis. Solche Äußerungen können nur von Leuten stammen,
die auf das Problem ganz anders reagieren als wir.

Normal trinkende Menschen haben kaum Schwierigkeiten, den Alkohol
völlig aufzugeben, wenn sie einen guten Grund dafür haben. Sie
können trinken oder es jederzeit lassen.
Dann gibt es noch den bestimmten Typ des harten Trinkers. Seine
Trinkgewohn-
heit kann unter Umständen seine körperliche und geistige Gesundheit
beeinträchtigen. Dadurch kann er ein paar Jahre früher sterben.
Schlechte Gesundheit, große Liebe, eine neue Umgebung oder ein
strenger Arzt können ihn veranlassen, ganz aufzuhören oder nur noch
mäßig zu trinken. Das kann mühsam und schwierig für ihn sein,
vielleicht braucht er dafür sogar ärztliche Hilfe.

Wie aber ist es mit dem echten Alkoholiker? Er mag am Anfang mäßig
trinken. Er kann oder kann auch nicht ein schwerer
Gewohnheitstrinker werden. An einem Punkt seiner Trinkerlaufbahn
jedoch fängt er an, jede Kontrolle über seinen Alkoholkonsum zu
verlieren, sobald er zu trinken beginnt.
Das ist der Bursche, der Ihnen durch seinen Kontrollverlust Rätsel
aufgibt. In seinem Rausch treibt er alberne, unglaubliche und
tragische Dinge. Einen leichten Schwips hat er selten, meistens ist
er mehr oder weniger sinnlos betrunken. Wenn er trinkt, ist er
nicht mehr er selbst. Er mag einer der feinsten Kerle der Welt
sein, doch wenn er nur einen Tag trinkt, wird er oft widerlich oder
gemeingefährlich. Er hat die seltene Gabe, sich genau im falschen
Moment zu betrinken, besonders dann, wenn eine wichtige
Entscheidung getroffen oder eine Verabredung eingehalten werden
muß. Er ist oft sehr vernünftig und in allen Dingen ausgeglichen,
nur nicht, wenn es um Alkohol geht. In dieser Beziehung ist er
unglaublich unehrlich und selbstsüchtig. Er besitzt oft besondere
Fähigkeiten, Fertigkeiten und Begabungen und hat eine
vielversprechende Karriere vor sich. Er benutzt seine Gaben, um
sich und seiner Familie eine vielversprechende Zukunft aufzubauen,
die er dann wieder kaputtmacht durch eine sinnlose Serie von
Besäufnissen. Er geht so betrunken zu Bett, daß er normalerweise
rund um die Uhr schlafen müßte. Aber bereits früh am nächsten
Morgen sucht er wie wild nach der Flasche, die er die Nacht zuvor
irgendwo versteckt hatte. Wenn er es sich leisten kann, hat er im
ganzen Haus Alkoholdepots angelegt, um sicher zu sein, daß ihm
keiner seinen ganzen Vorrat wegnimmt, um ihn in den Ausguß zu
schütten. Wenn sein Zustand schlimmer wird, fängt er an, starke
Beruhigungsmittel zusammen mit Alkohol zu schlucken, um seine
Nerven soweit zu beruhigen, damit er zur Arbeit gehen kann. Dann
kommt der Tag, an dem er es so nicht mehr schafft und an dem er
rund um die Uhr trinkt. Vielleicht geht er zu einem Arzt, der ihm
Morphium oder irgendwelche Beruhigungsmittel gibt, damit er langsam
wieder zu sich finden kann. Von da an taucht er immer wieder in
Krankenhäusern und Sanatorien auf.
Das ist keineswegs ein vollständiges Bild des Alkoholikers. Die
Erscheinungsformen unserer Krankheit sind sehr unterschiedlich. Im
allgemeinen kann man nach dieser Beschreibung einen Alkoholiker
erkennen.
Warum benimmt er sich so? Warum trinkt er dann den ersten Schluck,
wenn hundertfache Erfahrung ihm gezeigt hat, daß ein Glas wieder
einen erneuten Zusammenbruch mit all den begleitenden Leiden und
Erniedrigungen bedeutet? Warum kann er nicht trocken bleiben? Was
ist aus dem gesunden Menschenverstand und der Willenskraft
geworden, die in anderen Dingen manchmal ja noch funktionieren?
Wahrscheinlich wird es auf diese Frage nie eine erschöpfende
Antwort geben. Die Meinungen darüber, warum ein Alkoholiker anders
reagiert als andere Menschen, gehen weit auseinander. Wir wissen
nicht, warum so wenig für ihn getan werden kann, wenn einmal ein
gewisser Punkt erreicht ist. Wir können dieses Rätsel nicht lösen.
Wir wissen, daß der Alkoholiker oft genau wie andere Menschen
reagiert, wenn er nicht trinkt - was er manchmal über Monate oder
Jahre schafft. Wir wissen aber auch, daß in dem Augenblick, in dem
er Alkohol in irgendeiner Form zu sich nimmt, in körperlicher und
geistiger Hinsicht etwas geschieht, das es ihm unmöglich macht
aufzuhören. Die Erfahrungen aller Alkoholiker werden das zur Genüge
bestätigen.
Diese Beobachtungen wären graue Theorie und überflüssig, wenn unser
Freund nie wieder den ersten Schluck trinken würde, mit dem er
diesen schrecklichen Kreislauf in Bewegung setzt. Deshalb sitzt das
Hauptproblem des Alkoholikers in seinem Kopf und weniger in seinem
Körper. Wenn Sie ihn fragen, warum er mit dem letzten Besäufnis
angefangen hat, wird er Ihnen wahrscheinlich
eines seiner hundert Alibis anbieten. Manchmal haben diese
Entschuldigungen eine gewisse Glaubwürdigkeit, aber keine von ihnen
hält wirklich stand, wenn man die Verwüstung betrachtet, die das
Besäufnis eines Alkoholikers anrichtet. Diese Entschuldigungen
hören sich an wie die Philosophie eines Mannes, der sich bei
Kopfweh mit dem Hammer auf den Kopf schlägt, um seine Schmerzen
nicht mehr zu spüren. Wenn Sie einen Alkoholiker auf diese
wackeligen Ausreden aufmerksam machen, wird er entweder alles ins
Lächerliche ziehen oder den Beleidigten spielen und sich weigern,
darüber zu reden.
Hin und wieder wird er die Wahrheit erzählen. So seltsam es klingt,
wahr ist: Er weiß meist genausowenig wie Sie, warum er den ersten
Schluck getrunken hat. Einige Trinker sind mit ihren
Entschuldigungen eine Zeitlang zufrieden. Aber in Wirklichkeit
wissen sie nicht, warum sie wieder trinken. Von dieser Krankheit
gepackt, wissen sie nicht mehr ein noch aus. Besessen glauben sie,
irgendwie, irgendwann das Spiel doch noch zu gewinnen. Oft aber
ahnen sie schon, daß sie am Boden liegen und darauf warten,
ausgezählt zu werden.
Wie wahr das ist, begreifen wenige. Irgendwie spüren ihre Familien
und ihre Freunde, daß diese Trinker abnorm sind, aber jeder wartet
voller Hoffnung auf
den Tag, an dem der Leidende sich aus seiner Lethargie befreit und
seine Willenskraft einsetzt.
Die traurige Wahrheit ist, daß dieser Tag nie kommt, wenn der
Betroffene wirklich Alkoholiker ist. Er hat die Kontrolle verloren.
Jeder Alkoholiker überschreitet irgendwann die Grenze und kommt in
ein Stadium, wo auch der sehnlichste Wunsch, mit dem Trinken
aufzuhören, nichts mehr nützt. Dieser tragische Zustand ist
meistens schon früher erreicht, als allgemein vermutet wird. Es ist
eine Tatsache, daß die meisten Alkoholiker aus noch unbekannten
Gründen keine andere Wahl haben, als zu trinken. Unsere sogenannte
Willenskraft existiert praktisch nicht mehr. Wir sind zu bestimmten
Zeiten beim besten Willen nicht in der Lage, uns die Erinnerung an
Leiden und Demütigungen ins Bewußtsein zurückzurufen, selbst wenn
sie nur eine Woche oder einen Monat zurückliegen. Wir sind ohne
Abwehrkraft gegen das erste Glas. Die Konsequenzen, die auch nur
ein Glas Bier nach sich zieht, lassen uns nicht davor
zurückschrecken, es zu trinken. Wenn solche Gedanken auftauchen,
sind sie nebelhaft und werden nur zu gern von der fadenscheinigen
Vorstellung verdrängt, daß wir uns diesmal so wie andere Leute im
Griff haben werden. Der Instinkt, der uns beispielsweise davon
abhält, unsere Hand auf einen heißen Ofen zu legen, versagt hier
vollkommen.
Der Alkoholiker sagt vielleicht ein bißchen leichtsinnig: "Diesmal
werde ich mich nicht verbrennen - was soll's!" Vielleicht denkt er
sich auch garnichts dabei. Wie oft haben einige von uns auf die
lässige Art angefangen zu trinken und nach dem dritten oder vierten
Glas auf die Theke geklopft und zu sich selbst gesagt: "Mein Gott,
wie konnte ich nur wieder anfangen?" Dieser Gedanke wird sofort
wieder verdrängt durch: "Na gut, nach dem sechsten Glas werde ich
aufhören." oder "Was hat das überhaupt für einen Sinn?" Wenn sich
diese Denkweise in einem Menschen festsetzt, der zum Alkoholiker
veranlagt ist, kann menschliche Hilfe bei ihm kaum noch etwas
ausrichten. Wenn er dann nicht eingesperrt wird, kann er sterben
oder wahnsinnig werden. Legionen von Alkoholikern haben diese
unumstößlichen und häßlichen Tatsachen im Laufe der Geschichte
bestätigt. Ohne die Gnade Gottes, durch die Alkoholiker eine Lösung
ihrer Probleme gefunden haben, wären es noch Tausende solcher
Beispiele mehr, denn viele wollen aufhören, schaffen es aber nicht
allein.
Es gibt eine Lösung. Keinem von uns fiel die Selbsterforschung, der
Abbau unseres Hochmuts, das Bekennen unserer Unzulänglichkeiten
leicht. Aber all das ist nötig, um das Ziel zu erreichen. Wir
sahen, daß diese Methode bei anderen wirkte, und erkannten, daß
unser Leben, wie wir es bisher gelebt hatten, hoffnungslos und
leer war. Wenn wir Menschen trafen, die ihr Problem gelöst hatten,
blieb uns garnichts anderes übrig, als dieses spirituelle
Handwerkszeug aufzuheben, das sie uns vor die Füße gelegt hatten.
Wir haben ein Stück Himmel gefunden und sind in eine neue Dimension
unserer Existzenz gelangt, von der wir noch nicht einmal geträumt
hatten. Es ist doch eine Tatsache, daß wir tiefe und wirkungsvolle
seelische, innerliche Erfahrungen* gemacht haben, die unsere ganze
Einstellung zum Leben, zu unseren Mitmenschen und zu Gottes Weltall
völlig geändert haben. Unser heutiges Dasein basiert auf der
absoluten Gewißheit, daß unser Schöpfer auf eine wunderbare Art den
Weg zu unseren Herzen gefunden hat und in unser Leben eingetreten
ist. Er hat für uns Dinge vollendet, die wir allein nie zustande
gebracht hätten. Wenn Sie ein so schwerkranker Alkoholiker sind,
wie wir es waren, gibt es nach unserer Überzeugung für Sie keine
halbe Lösung mehr. Wir waren da angekommen, wo unser Leben sinnlos
geworden war. Wir hatten den Zustand erreicht, in dem es durch
menschliche Hilfe kein Zurück mehr gab. Uns blieben nur zwei
Möglichkeiten: entweder bis zum bitteren Ende zu gehen und das
Bewußtsein unserer unerträglichen Lage auszulöschen - oder wir
mußten seelische Hilfe annehmen. Das taten wir, weil wir es ehrlich
wünschten und bereit waren, dafür etwas zu tun.
Ein amerikanischer Geschäftsmann - fähig, vernünftig und mit gutem
Charakter - zog jahrelang von einem Sanatorium ins andere. Er hatte
die bekanntesten amerikanischen Psychiater konsultiert. Dann war er
nach Europa gegangen und hatte sich in die Behandlung eines
bekannten Arztes (des Psychiaters Dr. Jung) begeben. Obwohl
Erfahrung den Geschäftsmann skeptisch gemacht hatte, brachte er die
Behandlung voll Vertrauen zu Ende. Sein körperlicher und geistiger
Zustand wurde ungewöhnlich gut. Überdies glaubte er, jetzt ein so
gründliches Wissen über die Vorgänge in seinem Geist zu haben und
die darin verborgenen Quellen zu kennen, daß er einen Rückfall für
undenkbar hielt. Trotzdem war er nach kurzer Zeit wieder betrunken.
Er war wie vor den Kopf gestoßen, daß er sich keine einleuchtende
Erklärung über seinen Rückfall geben konnte.
Er ging wieder zu diesem Arzt zurück, den er bewunderte, und fragte
geradeheraus, warum er nicht gesund werden könne. Vor allem wünsche
er sich, seine Selbstkontrolle wiederzuerlangen. In bezug auf
andere Probleme schien er recht vernünftig und ausgeglichen zu
sein. Über Alkohol jedoch hatte er keinerlei Kontrolle. Wie kam
das?
Er bat den Arzt, ihm die ganze Wahrheit zu sagen. Die Bitte wurde
erfüllt. Nach dem Urteil des Arztes war der Geschäftsmann ein
absolut hoffnungsloser Fall. Er könne seine gesellschaftliche
Stellung nie wieder erlangen. Und wenn er lange leben wolle, müßte
er sich hinter Schloß und Riegel begeben oder einen Leibwächter
engagieren. Das war die Meinung eines großen Arztes. Doch dieser
Mann lebt noch und ist ein freier Mann. Weder braucht er einen
Leibwächter, noch ist er eingesperrt. Er kann überall auf dieser
Welt hingehen, wo andere freie Menschen hingehen, ohne ins Unglück
zu laufen, vorausgesetzt, er ist bereit, ein paar einfache
Lebensregeln zu befolgen.
Einige unserer alkoholkranken Leser mögen der Ansicht sein, daß sie
ohne seelische Hilfe auskommen. Laßt uns den Fortgang der
Unterhaltung erzählen, die unser Freund mit seinem Arzt hatte. Der
Arzt sagte ihm: "Sie haben die Geisteshaltung eines chronischen
Alkoholikers. Ich habe noch keinen genesen sehen, bei dem diese
Geisteshaltung schon so weit fortgeschritten war wie bei Ihnen."
Unser Freund hatte das Gefühl, als hätten sich die Tore der Hölle
mit einem Knall hinter ihm geschlossen.

*Vgl. den Anhang "Die seelische Erfahrung."
Er sagte zum Arzt: "Gibt es da keine Ausnahme?"
"Doch", antwortete der Arzt, "auch in Fällen, wie dem Ihren, hat es
seit jeher Ausnahmen gegeben. Hier und dort, ab und zu, hatten
Alkoholiker das, was man eine lebenswichtige, seelisch-innerliche
Erfahrung nennt. Solche Ereignisse waren für mich eine Art Wunder.
Sie treten als gewaltige Gefühlsbewegung und eine Art
Neuorientierung auf. Ideen, Gefühle und Haltungen, die einst die
bestimmenden Kräfte im Leben dieser Menschen waren, werden
plötzlich über Bord geworfen, und völlig neue Vorstellungen und
Beweggründe treten bei ihnen in den Vordergrund. Tatsächlich habe
ich versucht, in Ihnen etwas von solch einer gefühlsmäßigen
Neuorientierung auszulösen. Bei vielen sind die Methoden, die ich
angewandt habe, erfolgreich, aber ich hatte nie Erfolg bei einem
Alkoholiker Ihres Schlages.
Als unser Freund das gehört hatte, war er etwas erleichtert. Er
überlegte sich, daß er immerhin ein gutes Mitglied der Kirche war.
Die darauf gegründete Hoffnung zerstörte ihm der Arzt jedoch, indem
er ihm sagte, daß seine religiösen Überzeugungen zwar gut seien,
sie ihm in diesem Falle aber nicht die nötige, lebenswichtige
seelische Erfahrung vermittelten.
Das war das schreckliche Dilemma, in dem sich unser Freund befand,
als er die außergewöhnliche Erfahrung machte, die wir bereits
geschildert haben und die aus ihm einen freien Mann machte.
Wir selbst suchten mit der Verzweiflung Ertrinkender den gleichen
Ausweg. Was zuerst nur wie ein schwacher Strohhalm aussah, das
erwies sich als liebende und starke Hand Gottes. Ein neues Leben
wurde uns gegeben, oder, wenn Sie so
wollen, "eine neue Lebensperspektive", nach der sich tatsächlich
leben läßt.
Der angesehene amerikanische Psychologe William James beschreibt in
seinem Buch "Vielfalt der religiösen Erfahrungen" eine Anzahl von
Wegen, auf denen Menschen Gott entdeckt haben. Wir wollen niemanden
davon überzeugen, daß nur ein Weg zum Glauben führt. Wenn das, was
wir gelernt, gefühlt und gesehen haben, überhaupt eine Bedeutung
hat, dann diese: Wir alle, gleich welcher Rasse, welchen Glaubens
oder welcher Hautfarbe, sind Kinder eines lebendigen Schöpfers, und
wir können zu ihm auf einfache und leicht verständliche Weise in
Beziehung treten, wenn wir nur bereit und ehrlich genug sind, es zu
versuchen. Jene Menschen, die religiöse Bindungen haben, werden
dabei nichts finden, was ihren Glauben oder ihre Glaubensausübung
stört. Darüber gibt es bei uns keine Meinungsverschiedenheiten.
Wir sind der Meinung, daß es uns nichts angeht, zu welcher Glau
bensrichtung sich jeder einzelne zugehörig fühlt. Das sollte eine
ganz persönliche Angelegenheit sein, die jeder für sich selbst im
Hinblick auf seine früheren Bindungen oder nach seiner heutigen
Wahl entscheidet. Nicht jeder von uns schließt sich einer
Glaubensgemeinschaft an, aber die meisten neigen dazu.
Im folgenden Kapitel wird erklärt, was wir unter Alkoholismus
verstehen. Danach wendet sich ein Kapitel an Agnostiker, von denen
jetzt viele zu uns gehören. Erstaunlicherweise zeigt es sich, daß
eine solche Überzeugung kein großes Hindernis für eine seelische
Erfahrung ist.
Weiter geht es mit klaren Empfehlungen, wie wir gesund wurden.
Später folgen Lebensgeschichten von Alkoholikern. In den
persönlichen Berichten beschreibt jeder einzelne in seiner Sprache
und aus seiner Sicht, wie er seine Verbindung zu Gott fand. Diese
Geschichten ergeben einen Querschnitt unserer Gemeinschaft und
lassen ganz klar erkennen, was sich im Leben jedes einzelnen
ereignete. Wir hoffen, daß niemand an diesen offenherzigen
Selbstbekenntnissen Anstoß nimmt. Wir hoffen, daß viele
alkoholkranke Männer und Frauen, die es dringend brauchen, diese
Seiten in die Hand bekommen. Wir glauben, daß nur eine rückhaltlose
Darstellung unserer selbst und unserer Probleme sie dazu bringt zu
sagen: "Ja, ich bin auch einer von ihnen; das brauche ich."
 
 

Kapitel 3
Mehr über Alkoholismus
Die meisten von uns wollten nicht zugeben, Alkoholiker zu sein.
Keiner mag den Gedanken, sich körperlich und geistig von anderen zu
unterscheiden. Deshalb überrascht es nicht, daß Trinkerkarrieren
von zahllosen vergeblichen Versuchen gekennzeichnet sind, so zu
trinken wie andere Leute. Der Gedanke, irgendwie, irgendwann sein
Trinken kontrollieren und genießen zu können, ist eine fixe Idee
jedes anormalen Trinkers. Es ist erstaunlich, mit welcher
Hartnäckigkeit an dieser Illusion festgehalten wird. Viele bleiben
dabei, bis sie die Schwelle des Irrsinns überschritten oder den Tod
vor Augen haben.
Wir haben gelernt, daß wir in unserem tiefsten Inneren rückhaltlos
zugeben mußten, Alkoholiker zu sein. Das ist der erste Schritt zur
Genesung. Der Wahn, daß wir wie andere sind oder je wieder werden
könnten, muß zerschlagen werden.
Wir Alkoholiker sind Männer und Frauen, die die Fähigkeit verloren
haben, kontrolliert zu trinken. Wir wissen, daß kein Alkoholiker
jemals wieder kontrolliert trinken kann. Wir alle durchlebten
Zeiten, in denen wir meinten, die Kontrolle wieder erlangt zu
haben. Auf solche, meistens kurzen Intervalle folgte unweigerlich
ein noch größerer Kontrollverlust, der nach einiger Zeit zu einem
erbärmlichen, unfaßbaren Verfall führte. Bei uns gibt es keinen
Zweifel, daß Alkoholiker wie wir in der Gewalt einer
fortschreitenden Krankheit sind, die immer schlimmer wird, aber
niemals besser.
Wir sind wie Menschen, die ihre Beine verloren haben; ihnen wachsen
niemals neue. Genausowenig scheint es irgendeine Art der Behandlung
zu geben, die aus Alkoholikern "Normalverbraucher" macht. Wir haben
jede Möglichkeit der Heilung erprobt, die man sich nur vorstellen
kann. In einigen Fällen gab es eine kurzzeitige Besserung, der
immer ein noch schlimmerer Rückfall folgte.
Ärzte, die sich mit dem Alkoholismus auskennen, stimmen in der
Ansicht überein, daß es keine Möglichkeit gibt, aus einem Alkoho
liker einen normalen Trinker zu machen. Vielleicht wird die Wis
senschaft das eines Tages fertigbringen, aber soweit ist es noch
nicht.
Trotz allem, was wir sagen, wollen viele Alkoholiker nicht glauben,
daß es auch auf sie zutrifft. Sie versuchen auf jede nur mögliche
Art der Selbsttäuschung und des Herumexperimentierens sich selbst
zu beweisen, daß sie die Ausnahme von der Regel - und somit keine
Alkoholiker sind. Wenn jemand, der früher nicht kontrolliert
trinken konnte, plötzlich eine Kehrtwendung zustandebringt, und wie
ein Gentleman trinken kann, dann ziehen wir unseren Hut vor ihm.
Der Himmel weiß, wie lange und wie angestrengt wir versucht haben,
so wie andere Leute zu trinken!
Nachfolgend einige der Methoden, die wir ausprobiert haben: Nur
Bier trinken, eine begrenzte Menge trinken, nie allein trinken, nie
frühmorgens trinken, nur zu Hause trinken, nie Alkohol im Haus
haben, nie während der Dienstzeit trinken, nur auf Partys trinken,
von Whisky auf Cognac übergehen, nur Naturwein trinken, bei
Trunkenheit am Arbeitsplatz mit der Kündigung einverstanden sein,
eine Reise unternehmen, keine Reise unternehmen, für immer
abschwören (mit und ohne heiligem Eid), mehr Sport treiben,
spannende Bücher lesen, in ein Entziehungsheim oder in ein
Sanatorium gehen, freiwillig in eine geschlossene Anstalt gehen -
die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Wir möchten keinen zum Alkoholiker abstempeln, aber Sie können sich
sehr schnell selbst die Diagnose stellen. Gehen Sie in die nächste
Kneipe und versuchen Sie, kontrolliert zu trinken. Versuchen Sie zu
trinken und ganz plötzlich aufzuhören. Versuchen Sie
es mehr als einmal. Wenn Sie ehrlich zu sich selbst sind, brauchen
Sie nicht lange, um zu wissen, was mit Ihnen los ist. Genaue
Kenntnis Ihres Zustands mag durchaus ein großes Zittern wert sein.
Obwohl es nicht zu beweisen ist, glauben wir, daß die meisten von
uns am Anfang ihrer Trinkerlaufbahn mit dem Trinken hätten aufhören
können. Die Schwierigkeit besteht jedoch darin, daß bei wenigen
Alkoholikern der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören, stark genug
ist, wenn es noch Zeit wäre. Wir haben von einigen wenigen Fällen
gehört, in denen Leute, die deutliche Anzeichen von Alkoholismus
zeigten, aufgrund eines übermächtigen Wunsches für eine lange Zeit
mit dem Trinken aufhören konnten. Hier ist so ein Fall:
Ein Mann von dreißig Jahren ging häufig auf Zechtour. Nach solchen
Gelagen war er morgens sehr nervös und beruhigte sich wieder mit
Alkohol. Er war ehrgeizig im Beruf, aber er sah, daß er nichts
erreichen würde, solange er überhaupt noch trank. Wenn er einmal
anfing, verlor er jede Kontrolle. Er beschloß, keinen Tropfen mehr
anzurühren, bis er nach erfolgreichem Geschäftsleben sich zur Ruhe
setzen würde. Ein außergewöhnlicher Mann. Er blieb fünfundzwanzig
Jahre lang knochentrocken und setzte sich im Alter von
fünfundfünfzig nach einer erfolgreichen und befriedigenden Karriere
zur Ruhe. Dann wurde er das Opfer eines Irrglaubens, dem fast jeder
Alkoholiker unterliegt: Eine lange Zeit der Nüchternheit und
Selbstdisziplin würde ihn qualifizieren, wie andere zu trinken. Er
zog die Pantoffeln an und die Flaschen hervor. Nach zwei Monaten
fand er sich im Krankenhaus wieder - verwirrt und gedemütigt.
Danach versuchte er für eine Weile, mit dem Trinken maßzuhalten,
kam aber um einige Krankenhausaufenthalte nicht herum. Mit aller
Kraft versuchte er schließlich, ganz aufzuhören, und stellte fest,
daß er es nicht konnte. Er hatte zur Lösung seines Problems jede
Möglichkeit, die mit Geld zu kaufen war. Jeder Versuch schlug fehl.
Obwohl er zu Beginn seines Ruhestandes ein robuster Mann war,
verfiel er dann schnell und starb nach vier Jahren.
Dieser Fall enthält eine eindringliche Lehre. Die meisten von uns
haben geglaubt, sie könnten wieder normal trinken, wenn sie eine
lange Zeit nüchtern blieben. Aber hier ist ein Mann, der mit
fünfundfünfzig Jahren erfahren mußte, daß er genau dort war, wo er
mit dreißig aufgehört hatte. Immer und immer wieder sehen wir:
Einmal Alkoholiker - immer Alkoholiker! Wenn wir nach einer Zeit
der Nüchternheit wieder mit dem Trinken anfangen, sind wir in
kurzer Zeit wieder so übel dran wie vorher. Wenn wir uns vornehmen,
mit dem Trinken aufzuhören, darf es keinen Vorbehalt geben, und in
keinem Winkel unseres Hinterkopfes darf die Hoffnung lauern, eines
Tages normal trinken zu können.
Die Lebensgeschichte dieses Mannes bringt junge Menschen vielleicht
auf die Idee, daß sie wie er aus eigener Willenskraft aufhören
könnten. Wir zweifeln daran, daß das viele fertigbringen, denn
keiner will wirklich aufhören. Kaum einer wird den Zeitpunkt
erleben, an dem er herausfindet, ob er es geschafft hat, weil er
schon das dem Alkoholiker eigentümliche, verdrehte Denken erworben
hat. In unserer Gruppe gibt es einige, die dreißig Jahre oder noch
jünger sind. Sie hatten nur ein paar Jahre getrunken und waren
trotzdem genauso hilflos wie jene, die zwanzig Jahre lang getrunken
hatten.
Um Alkoholiker zu sein, muß man nicht unbedingt lange und solche
Mengen getrunken haben wie viele von uns. Das trifft vor allem auf
Frauen zu. Oft steigen Frauen mit einer Veranlagung zum
Alkoholismus gleich voll ein und sind in wenigen Jahren in einem
Zustand, aus dem es kein Zurück mehr gibt. Manche Trinker wären
beleidigt, würde man sie als Alkoholiker bezeichnen, und sind
trotzdem erstaunt, wenn sie merken, daß sie mit dem Trinken nicht
aufhören können. Wir erkennen unter den Jugendlichen eine große
Zahl potentieller Alkoholiker, weil wir mit den Symptomen vertraut
sind. Aber versuchen Sie einmal, sie zur Einsicht zu
bringen. *
*Diese Aussage fußt auf den beim Erstdruck des Buches vorliegenden
Erkenntnissen. Nach einer 1977 in den Vereinigten Staaten und in
Kanada durchgeführten Umfrage waren elf Prozent der AA-Mitglieder
unter dreißig Jahre alt.
Wenn wir zurückblicken wird uns klar, daß wir viele Jahre weiter
getrunken hatten, als wir schon über den Punkt hinaus waren, an dem
wir aus eigener Willenskraft hätten aufhören können. Wenn
irgendeiner daran zweifelt, ob er über diesen gefährlichen Punkt
schon hinaus ist, dann lassen Sie ihn versuchen, ein Jahr ohne
Alkohol auszukommen. Sollte er Alkoholiker und seine Krankheit
schon sehr fortgeschritten sein, gibt es kaum eine Erfolgschance.
In den Anfängen unseres Trinkens blieben wir gelegentlich ein Jahr
oder länger nüchtern und wurden danach wieder harte Trinker. Selbst
wenn Sie in der Lage sind, für eine längere Zeit mit dem Trinken
aufzuhören, können Sie ein potentieller Alkoholiker sein. Wir
meinen, daß wenige, an die dieses Buch gerichtet
ist, überhaupt ein Jahr lang trocken bleiben können. Einige werden
noch am selben Tag betrunken sein, an dem sie sich vorgenommen
hatten, nichts zu trinken; die meisten schaffen es vielleicht ein
paar Wochen.
Diejenigen, die nicht kontrolliert trinken können, stehen vor der
Frage, wie man überhaupt aufhört. Wir nehmen selbstverständlich an,
daß der betroffene Leser mit dem Trinken aufhören will. Ob jemand
ohne tiefgreifenden, innerlichen Wandel aufhören kann, hängt davon
ab, wie weit er seine Entscheidungsfähigkeit schon verloren hat.
Vielleicht kann er noch wählen, ob er noch trinken will oder nicht.
Viele von uns glauben, einen starken Charakter zu haben. Da war ein
ungeheuer großes Verlangen, für immer mit dem Trinken aufzuhören.
Es war uns jedoch nicht möglich. Wir kennen dieses rätselhafte
Kennzeichen des Alkoholismus - diese absolute Unfähigkeit, allein
davon loszukommen, wie groß die Notwendigkeit und der Wunsch
aufzuhören auch sein mögen.
Wie können wir unseren Lesern helfen, aus eigener Überzeugung die
Entscheidung zu treffen, ob sie zu uns gehören oder nicht? Der
Versuch, eine gewisse Zeit mit dem Trinken aufzuhören, kann dabei
helfen. Aber wir glauben, daß wir den leidenden Alkoholikern und
vielleicht auch der ganzen medizinischen Zunft eine noch größere
Hilfe anbieten können. Deshalb werden wir einige der geistigen
Zustände beschreiben, die dem Abgleiten ins Trinken vorausgehen,
denn dort scheint offensichtlich die Wurzel des Problems zu liegen.
Was geht in einem Alkoholiker vor, der immer wieder das
hoffnungslose Experiment mit dem ersten Glas wiederholt? Freunde,
die ihn zur Vernunft bringen wollen, sind verblüfft, wenn er
geradewegs in eine Kneipe marschiert, obwohl ihn das letzte
Besäufnis an den Rand der Scheidung oder des Bankrotts gebracht
hatte. Warum macht er das? Was denkt er sich dabei?
Unser erstes Beispiel ist ein Freund, den wir Jim nennen wollen.
Dieser Mann hat eine liebenswerte Frau und eine Familie. Er hatte
eine gutgehende Automobilvertretung geerbt. Er wurde im Ersten
Weltkrieg ausgezeichnet. Er ist ein guter Verkäufer. Jeder mag ihn.
Er ist intelligent und - soweit wir es beurteilen können - normal,
abgesehen von einer nervösen Veranlagung. Bis zu seinem 35.
Lebensjahr trank er keinen Alkohol. Dann begann er zu trinken.
Innerhalb weniger Jahre wurde er, wenn er betrunken war, so
gewalttätig, daß er eingewiesen werden mußte. Als er die Anstalt
verließ, kam er mit uns in Kontakt.
Wir sagten ihm, was wir vom Alkoholismus wußten und welche Lösung
wir gefunden hatten. Er machte einen Anfang. Seine Familie wurde
wieder zusammengeführt, und er fing an, als Verkäufer in dem
Geschäft zu arbeiten, das er durch seine Trinkerei verloren hatte.
Eine Zeitlang ging alles gut. Aber er vernachlässigte sein
seelisches Leben. Zu seiner eigenen Bestürzung war er einige Male
hintereinander wieder betrunken. Jedes Mal arbeiteten wir mit ihm
und untersuchten genau, was sich ereignet hatte. Er gab zu, daß
er wirklich Alkoholiker war und sich in besorgniserregendem Zustand
befand. Er war sich darüber im klaren, daß ihm ein neuer Gang in
die Anstalt bevorstand, wenn er so weiter
machte. Dazu kam, daß er seine Familie verlieren würde, die er
aufrichtig liebte.
Trotzdem betrank er sich wieder. Wir baten ihn, uns genau zu
erzählen, was passiert war. Hier ist die Geschichte: "Am
Dienstagmorgen kam ich zur Arbeit. Ich erinnere mich, daß es mich
störte, für ein Unternehmen Verkäufer sein zu müssen, das mir
einmal gehört hatte. Ich hatte eine kleine Auseinandersetzung mit
dem Chef, es war aber nichts Ernstes. Daraufhin entschloß ich mich,
einen Interessenten für ein Auto zu besuchen. Unterwegs wurde ich
hungrig, also hielt ich an einer Gaststätte. Ich hatte nicht die
Absicht zu trinken. Ich wollte nur ein Sandwich essen. Ich hoffte
auch, hier vielleicht einen Kunden für ein Auto zu finden. Dieses
Lokal war mir seit Jahren bekannt. Während der Monate, in denen ich
nüchtern war, hatte ich dort oft gegessen. Ich setzte mich an einen
Tisch, bestellte einen Sandwich und ein Glas Milch. Immer noch kein
Gedanke an Trinken. Ich bestellte noch einen Sandwich und entschied
mich für ein weiteres Glas Milch.
Plötzlich kam mir der Gedanke, ein Whisky in meiner Milch könnte
mir bei meinem vollen Magen nicht schaden. Ich bestellte einen
Whisky und schüttete ihn in die Milch. Ich hatte das dumpfe Gefühl,
nicht sehr klug zu handeln, beruhigte mich aber damit, daß ich ja
den Whisky auf vollen Magen trank. Der Versuch lief so gut, daß
ich noch einen Whisky bestellte und ihn wieder in die Milch
schüttete. Das schien mir nichts auszumachen, und so versuchte ich
noch einen."
So fing für Jim wieder eine Reise in die Anstalt an. Hier drohte
die Verwahrung und damit der Verlust der Familie und der Stellung.
Ganz zu schweigen davon, wie schlecht es ihm geistig und körperlich
immer nach dem Trinken ging. Er wußte viel über sich selbst als
Alkoholiker. Dennoch wurden alle Gründe für das Nichttrinken
einfach beiseite geschoben zugunsten der verrückten Idee, Whisky
trinken zu können, wenn er ihn nur mit Milch mischte!
Wie man das auch immer definieren will, wir nennen es reinen
Wahnsinn. Wie kann ein solcher Mangel an Selbsteinschätzung, an
Fähigkeit, logisch zu denken, anders genannt werden?
Vielleicht meinen Sie, dies sei ein extremer Fall. Für uns ist das
nicht weit hergeholt, denn diese Art zu denken ist für jeden
einzelnen von uns charakteristisch gewesen. Wir haben manchmal mehr
als Jim über die Konsequenzen nachgedacht. Immer war da dieses
eigenartige, geistige Phänomen: Unser vernünftiges Denken war
automatisch begleitet von einer irrsinnig lächerlichen Ent
schuldigung für den ersten Schluck. Vernunft konnte uns nicht im
Zaume halten. Der Irrsinn siegte. Am nächsten Tag fragten wir uns
ehrlich und allen Ernstes, wie das hatte passieren können.

Bei manchen Gelegenheiten haben wir uns absichtlich betrunken, was
wir mit Nervosität, Ärger, Kummer, Depression, Eifersucht oder
ähnlichen Gründen rechtfertigten. Aber selbst, wenn es so
angefangen hatte, mußten wir nachher zugeben, daß unsere
Rechtfertigung für den Rausch sinnlos und unzureichend war im Licht
dessen, was nachher immer eintrat. Auch wenn wir vorsätzlich und
nicht zufällig zu trinken anfingen - so sehen wir es heute -, fehlt
bei uns jede ernsthafte und nützliche Einsicht in die schrecklichen
Konsequenzen unseres Handelns.
 

Wir verhalten uns beim ersten Schluck so absurd und unverständlich,
wie jemand, der den Tick hat, achtlos über die Straße zu gehen. Für
ihn ist es ein Nervenkitzel, kurz vor einem schnellfahrenden
Fahrzeug beiseite zu springen. Trotz gutgemeinter Warnungen macht
ihm das einige Jahre Freude. Bis zu
diesem Zeitpunkt würde man ihn als Narren bezeichnen, der eine
merkwürdige Auffassung von Spaß hat. Dann verläßt ihn das Glück,
und er wird mehrmals hintereinander leicht verletzt. Wenn er normal
wäre, würde man erwarten, daß er es bleiben läßt. Kurz darauf wird
er wieder angefahren und erleidet diesmal einen Schädelbruch. Kaum
aus dem Krankenhaus, wird er von einer Straßenbahn angefahren und
bricht sich den Arm. Er verspricht, mit seinem irrsinnigen
Verhalten auf der Straße für immer aufzuhören, bricht sich nach ein
paar Wochen beide Beine.
So geht dieser Unsinn jahrelang weiter, begleitet von seinem
Versprechen, vorsichtig zu sein oder die Straße ganz zu meiden.
Schließlich kann er nicht mehr arbeiten, seine Frau läßt sich von
ihm scheiden, und er ist der Lächerlichkeit preisgegeben. Er
versucht alles, um sein irrsinniges Zwangsverhalten auf der Straße
aus dem Kopf zu bekommen. Er läßt sich in eine Anstalt einweisen in
der Hoffnung, dort Besserung zu finden. Am Tag der Entlassung rennt
er vor ein Feuerwehrauto und bricht sich das Kreuz. So ein Mann
wäre verrückt, nicht wahr?
Dieses Beispiel klingt vielleicht zu lächerlich. Aber ist es das
wirklich? Wir, die wir durch die Mangel gedreht worden sind, müssen
zugeben, daß dieses Bild genau auf uns zuträfe, würden wir das oben
beschriebene, irrsinnige Verhalten im Straßenverkehr durch
Alkoholismus ersetzen. So intelligent wir vielleicht in anderer
Beziehung waren - wenn es um Alkohol ging, waren wir auf eine
seltsame Weise verrückt. Das ist eine harte Sprache. Aber ist es
nicht die Wahrheit?
Manche werden denken: "Ja, was Ihr sagt ist wahr, aber es stimmt
nicht ganz. Zugegeben, einige Symptome sind bei uns vorhanden, aber
so extrem weit gegangen wie Ihr sind wir nicht. Wir werden auch
kaum so weit gehen. Nachdem, was Ihr uns gesagt habt, kennen wir
uns so gut, daß solche Dinge nicht wieder vorkommen können. Wir
haben durch unser Trinken nicht alles in unserem Leben verloren.
Wir haben es auch bestimmt nicht vor. Vielen Dank für die
Information!"

Auf einige Nichtalkoholiker mag das alles zutreffen. Die können ihr
Trinken einschränken oder ganz aufhören, auch wenn sie im
Augenblick leichtsinnig und stark trinken. Sie haben geistig und
körperlich noch keinen solchen Schaden erlitten wie wir. Aber der
Alkoholiker oder derjenige, der die Veranlagung dazu hat, wird nie
in der Lage sein, aufgrund von Selbsterkenntnis mit dem Trinken
aufzuhören. Von dieser Regel gibt es kaum eine Ausnahme. Das ist
der Kernpunkt, den wir immer und immer wieder herausstreichen
möchten, um den Alkoholikern unter unseren Lesern einzutrichtern,
was wir durch bittere Erfahrung lernen mußten. Nehmen wir ein
anderes Beispiel.
Fred ist Teilhaber eines Wirtschaftsprüfers. Er hat ein gutes
Einkommen, ein schönes Heim, ist glücklich verheiratet und Vater
von vielversprechenden Kindern im Oberschulalter. Er hat eine solch
gewinnende Persönlichkeit, daß er sich überall Freunde macht. Wenn
es je einen erfolgreichen Geschäftsmann gab, so ist es Fred.
Offensichtlich ist er eine beständige, ausgeglichene
Persönlichkeit. Doch er ist Alkoholiker. Zum ersten Mal sahen wir
Fred vor etwa einem Jahr im Krankenhaus, wo er sich vom "großen
Zittern" erholte. Es war seine erste Erfahrung dieser Art, und er
schämte sich sehr. Er war weit davon entfernt zuzugeben, daß er
Alkoholiker war. Er redete sich ein, ins Krankenhaus gekommen zu
sein, um seine Nerven zu beruhigen. Der Arzt gab ihm ernsthaft zu
verstehen, daß es möglicherweise schlimmer um ihn stand, als er
sich vorstellte. Einige Tage lang war er wegen seines Zustandes
bedrückt. Er entschloß sich, ganz mit dem Trinken aufzuhören. Der
Gedanke, das vielleicht nicht zu schaffen, kam ihm angesichts
seines Charakters und seiner Stellung gar nicht in den Sinn. Fred
wollte es nicht wahrhaben, Alkoholiker zu sein, noch weniger wollte
er zugeben, daß zur Lösung seines Problems ein seelisches
Heilmittel nötig war. Wir erzählten, was wir über Alkoholismus
wußten. Er war interessiert und gab zu, einige dieser Symptome zu
haben. Aber er war weit davon entfernt, sich einzugestehen, daß er
sich nicht selbst helfen konnte. Er war davon überzeugt, daß diese
erniedrigende Erfahrung und sein neuerworbenes Wissen ihn für den
Rest seines Lebens nüchtern halten würden. Selbsterkenntnis würde
alles in Ordnung bringen.
Eine Zeitlang hörten wir nichts mehr von Fred. Eines Tages erzählte
man uns, daß er wieder im Krankenhaus sei. Diesmal war er ganz
schön wacklig. Er ließ uns wissen, daß er uns dringend sehen
wollte. Die Geschichte, die er uns erzählte, war sehr
aufschlußreich. Hier war jemand, der absolut davon überzeugt war,
daß er mit dem Trinken aufhören müsse, jemand, der keine
Entschuldigung für sein Trinken hatte, der glänzendes
Urteilsvermögen und Entschlußkraft in allen sonstigen Dingen an den
Tag legte und der trotzdem wieder flach lag.
Lassen wir ihn selbst erzählen: "Ich war sehr beeindruckt von dem,
was Ihr mir über Alkoholismus gesagt habt, und habe wirklich nicht
daran geglaubt, daß ich jemals wieder trinken würde. Ich konnte
schon Euren Gedanken über diesen spitzfindigen Irrsinn folgen, die
dem ersten Schluck vorausgehen. Ich vertraute aber darauf, daß mir
so etwas nicht passieren könnte nach allem, was ich gelernt hatte.
Ich nahm für mich in Anspruch, noch nicht so weit zu sein, wie die
meisten von Euch. Normalerweise konnte ich meine anderen Probleme
bewältigen. Und deshalb wollte ic